Zwischen Fjorden, Nebel und Nordkapp Magie

Der Wechsel von Finnland nach Norwegen fühlte sich an, als hätte jemand die Kulisse ausgetauscht: neue Farben, neue Formen, neue Stimmung – und wir mittendrin

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Marcel & Jacqueline
Über uns ...

Wir hatten Finnland verlassen und waren gespannt, ob uns Norwegen genauso in seinen Bann ziehen würde. Schon kurz nach der Grenze zeigte sich, wie abrupt sich Landschaften verändern können: Die Bäume wurden kleiner, die Berge kantiger, und plötzlich öffneten sich Fjorde vor uns – ein Moment, der uns sofort an Island erinnerte. Ganz anders als Finnland, aber genauso faszinierend. So fuhren wir staunend Richtung Kirkenes, liessen die Hafenstadt aber links liegen. Die Wettervorhersagen waren nicht besonders einladend, und Marcel wollte die Barentssee unbedingt bei Sonnenschein erleben. Also ging es weiter Richtung Norden, nach Grense Jakobselv.

Dabei kamen wir am geschlossenen Grenzübergang zu Russland vorbei. Er wirkte wie ein vergessener Ort – vorhanden, aber irgendwie nicht mehr Teil der Welt. Die letzten Kilometer nach Grense Jakobselv zogen sich dahin über eine schmale Strasse, die sich zwischen den Bergen hindurchschlängelte. Der Fluss Jakobselva plätscherte ruhig Richtung Meer, und auf der anderen Seite begann bereits Russland – so nah, dass man die Grenzpfähle zählen konnte. Vorbei an der wunderschönen Kong Oscar II Kapelle, die wie ein kleiner Wächter dastand. Am Ende öffnete sich die Weite: graublaue Barentssee, ein paar verstreute Sommerhäuser, heller Sandstrand. Es war ein spezieller Ort: Stille, Geschichte, und dieses besondere Gefühl, am Rand der Welt zu stehen. Wobei „Stille“ eigentlich nicht passte – denn bei der Einfahrt zum Parkplatz erlebten wir etwas, das wir seit Monaten nicht mehr gewohnt waren: unzählige Wohnmobile. Ich weiss, wir gehören selbst dazu, und ich gönne es jedem von Herzen, auf diese wunderbare Art zu reisen. Aber nach so viel Einsamkeit fühlte sich die Masse ungewohnt an. Und dann sorgte noch ein gestresster Reisecar-Chauffeur für eine kleine Einlage: Während Marcel sich in aller Berner Ruhe nach einem freien Stellplatz umschaute, wurde es dem Chauffeur offenbar zu bunt und er zeigte ihm den Stinkefinger. Schliesslich wollte er seine Gäste rechtzeitig zurück aufs Kreuzfahrtschiff bringen. Ein etwas holpriger Start in Norwegen – hoffentlich würde es nicht so weitergehen.

Kong Oscar II Kapelle

Drei trübe Tage folgten. Wir blieben, warteten auf besseres Wetter, faulenzten, sichteten Fotos und beobachteten das Kommen und Gehen der Reisenden. Morgens leerte sich der Platz, tagsüber kamen die Reisenden in PKWs, abends suchten die WoMos ein Plätzchen für die Nacht. Genau an einem solchen Abend klopfte es an unsere Tür: ein deutsches Ehepaar fragte höflich, ob sie sich neben uns stellen dürften. So viel Anstand waren wir nicht mehr gewohnt. Ich antwortete spontan – und natürlich völlig ironisch –, dass wir den Platz eigentlich für uns reserviert und auch bezahlt hätten. In derselben Sekunde dachte ich: Jacqueline, was für eine blöde Reaktion, die kennen deinen Humor ja gar nicht. Also schob ich sofort nach, dass sie selbstverständlich stehen dürften, es sei ja ein öffentlicher Platz. Sie bedankten sich und erwähnten so nebenbei, dass sie mit ihrem Van und fünf Hunden unterwegs seien. Marcel hielt das für einen Scherz – bis wir am nächsten Tag sahen, dass es tatsächlich fünf Huskies waren. Der Van hatte seitliche Boxen für die Hunde, der Anhänger unter anderem grosse Behälter für Futter. Wir kamen ins Gespräch, ich entschuldigte mich nochmals für meinen Spruch, merkte aber schnell, dass es gar nicht nötig gewesen wäre. Willi und Moni hatten denselben Humor. Wir hätten wohl noch stundenlang weiterplaudern können.

Am nächsten Morgen ging es für uns zurück nach Kirkenes. Hier verbrachten wir eine Nacht direkt am Hafen. Der Ort wirkte ruhig, weitläufig, ein bisschen wie das Ende der Welt. Am Morgen erlebten wir die Einfahrt der Nordlys, dem Postschiff der Hurtigruten, das hier seinen nördlichsten Punkt erreicht hatte. Seit Jahren hegen wir den Wunsch, einmal mit einem Postschiff von Bergen nach Kirkenes zu fahren – aber wir sagen immer, dass wir das tun werden, wenn wir nicht mehr so gut zu Fuss sind. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Unsere Herzen schlugen hoch, als die Nordlys einfuhr. Wir wussten damals noch nicht, dass uns die Hurtigruten Schiffe auf der ganzen Norwegenreise begleiten würden – in Häfen, auf dem Meer, manchmal fast schon wie alte Bekannte.

Die Nordlys - Postschiff der Hurtigruten

Unser Weg führte weiter westwärts entlang der Küste, auf die gegenüberliegende Seite des Varangerfjords. Wir fuhren nach Hamningberg, einem kleinen ehemaligen Fischerdorf am Ende der Varanger Halbinsel. Die Fahrt dorthin war ein Erlebnis: offene Tundra, schroffe Felsen, die Barentssee direkt neben der Strasse. Je näher wir kamen, desto ursprünglicher wirkte alles. Hamningberg wurde im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen – die dort eine Küstenbatterie hatten – bei ihrem Rückzug schlicht vergessen und deshalb nicht, wie viele andere Dörfer in der Region, niedergebrannt. Die alten Holzhäuser stehen noch immer da, windgegerbt, wie ein eingefrorenes Dorf am Rand der Welt.

Hamningberg

Wolken und Sonne wechselten sich ständig ab, typisch für den hohen Norden. Wir fuhren den Fjord zurück, diesmal Richtung Insel Vardø, die wir durch einen Tunnel unter dem Meer erreichten. Vardø überraschte uns mit einer ungewöhnlich hohen Dichte an historischen und kulturellen Orten. Das Steilneset Memorial dokumentierte die Hexenprozesse der Region: In der gläsernen Installation von Louise Bourgeois brannte eine einzelne Flamme für die Opfer, während in der langen Holzhalle von Peter Zumthor (Schweizer Architekt) 91 Lichtpunkte an die verurteilten Frauen und Männer erinnerten. Die Festung Vardøhus zeigte die militärische Geschichte, und der Drakkar Leviathan setzte einen modernen Akzent – eine grosse Holzskulptur, die wie ein gestrandetes Wikingerschiff am Rand der Barentssee lag. Und hier in Vardø kreuzten sich unsere Wege wieder mit denen von Willi und Moni. Der nächste Schwatz liess nicht lange auf sich warten, und vermutlich würden wir immer noch dort stehen und plaudern, wäre es nicht so eisig kalt gewesen. Weiter ging es für uns nach Mehamn auf der Nordkinn Halbinsel. Unterwegs sahen wir, wie Rentiere zusammengetrieben und aussortiert wurden – ein faszinierender Einblick in den Alltag hier oben. In Mehamn hingen die Wolken tief, unser Stellplatz lag abseits, hoch über der Küste. Genau so lieben wir es: einsame Plätze, weit weg vom Tourismus, da die meisten Touristen direkt zum Nordkapp fahren. Eigentlich schade, denn hier ist der Norden noch so ursprünglich.

Drakkar Leviathan

Am nächsten Morgen zeigte sich das Wetter von seiner besten Seite. Die Farben leuchteten, wie wir es so lieben. Weiter ging es nach Gamvik zum Slettnes Leuchtturm, dem nördlichsten Festland Leuchtturm der Welt. Überall blieben wir ein paar Tage, machten Spaziergänge, genossen die Ruhe. Und natürlich holte uns der Alltag immer wieder ein: Essensvorräte auffüllen, Trinkwasser tanken, Wäsche waschen. In Kjøllefjord fand Marcel einen Stellplatz direkt am Hafen, der alles bot. Das Wasser war unglaublich klar, man sah Muscheln und Seeigel am Boden. Beeindruckend war auch der Tidenunterschied von rund 1,5 Metern – manchmal schauten wir auf die Fischerboote hinunter, manchmal hinauf.

Nach ein paar Tagen war es Zeit, weiterzufahren. Wir rangen mit der Frage: Nordkapp – ja oder nein? Eigentlich waren wir bereits ganz im Norden, beim Slettnes Leuchtturm auf 71,08956° N. Das Nordkapp liegt nur rund 9 Kilometer nördlicher. Wollten wir uns wirklich in diese Touristenfalle begeben, wo wir doch den Norden in Einsamkeit und bei herrlichstem Wetter erlebt hatten? Bei einem Telefonat mit meiner Tochter Florence erzählte ich ihr unsere Gedanken. Ihre Antwort war nüchtern und klar: Macht es. Holt euch dieses Foto, diese Trophäe. Das gehört einfach dazu.

Die Wettervorhersagen waren alles andere als vielversprechend. Einfach zum Nordkapp hochzufahren, nur um dort kaum die eigene Hand vor den Augen zu sehen, konnte ja wirklich nicht das Ziel sein. Also vertiefte sich Marcel – wie immer gewissenhaft und mit sämtlichen verfügbaren Quellen – in die Wetterlage: lokale Apps, Webcams, Karten, alles kam auf den Tisch. Diese Routine hatte uns schon in Island, Marokko und Spanien oft gerettet, und auch diesmal zeigte sich ein besseres Wetterfenster, allerdings erst ein paar Tage später. So plante er die Weiterreise dorthin – schön gemütlich.

Das Wetter war wechselhaft, Indian Summer mit leuchtenden Espen, dann wieder grauer Nebel. Auf dem Weg besuchten wir den Silfar Canyon bei Lakselv: ein Riss in der Erde, türkisfarbenes Wasser, jahrtausendealtes Gestein. Sein Name bedeutet „Silber“ – und genau so schimmern die Felsen, wenn die Sonne hineinfällt. Ein weiterer Höhepunkt war Trollholmen, eine kleine Felsgruppe, von der man sagt, es seien versteinerte Trolle. Entlang der Küste schwammen unzählige Quallen im Wasser – kleine Ohrenquallen, grosse Feuerquallen und viele von ihnen - von der Ebbe überrascht - lagen verendet am Strand. Auch Rentiere begegneten uns immer wieder, bevorzugt auf der Strasse, und völlig unbeeindruckt von Autos.

Die Webcam des Nordkapps zeigte seit zwei Tagen dichten Nebel. Wir wollten am übernächsten Tag dort sein. Doch Marcel’s Wetter App zeigte für den aktuellen Nachmittag ein mögliches Aufreissen der Nebeldecke. Also entschieden wir uns spontan: Wir fahren jetzt. Der Nordkapp Tunnel führte steil unter das Meer und danach wieder steil hinauf. Danach ging es über lange Strecken bergauf, bergab und wieder bergauf. Am Nachmittag kamen wir an. Der Himmel war noch verhangen, aber einzelne Sonnenstrahlen kämpften sich durch. Gegen Abend leerte sich der Parkplatz langsam – und dann kam sie: die heiss erwartete Sonne. Sie tauchte das Nordkapp in eine mystische, klare Abendstimmung, wie man sie nur im hohen Norden erlebt. Wir waren froh, genau in diesem Moment dort gewesen zu sein.

Vegetation weniger üppig - dafür Fjorde und Berge
Lost Place - geschlossener Grenzübergang zu Russland
Die Barentssee
Unterwegs nach Vadsø - modern gestalteter Rastplatz
Kirche von Nessby
Hafen von Vadsø
Unterwegs nach Hamningberg
Hamningberg
Küstenbatterie, erbaut 1942 von den Deutschen
Vogelbeobachtungsposten direkt am Meer
Den Varangerfjord zurück Richtung Vardø
Tunnel unter dem Meer durch zur Insel Vardø
Stellplatz am Hafen
Büste von Willem Barentsz, des niederländischen Arktis‑Entdeckers und Namensgeber der Barentssee
Steilneset Memorial
Festung Vardøhus
Der Drakkar Leviathan
Gehege zum Aussortieren der Rentiere
Unser Stellplatz hoch über Mehamn
Slettnes Leuchtturm
Auf dem klaren Wasser der Barentssee bildet sich Meeresschaum. Dieser tritt in sauberen, nährstoffreichen Meeresgebieten häufig auf
Der Hafen von Kjøllefjord
Holzskulptur, die Frauen darstellt, die auf die Rückkehr ihrer Fischer‑Männer hoffen
Im Hafen, glasklares Wasser
Stellplatz am Silfar-Canyon
Indian Summer
Trollholmen ist eine kleine, windgeformte Felsgruppe bei Lakselv
Auch ein Troll
Quallen im Meer
Ohrqualle
Grosse «Gelbe Haarquallen», auch «Feuerqualle» genannt
Parkplatz am Nordkapp
Abendstimmung

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