In Litauen – dort, wo wir Pia und Juha kennengelernt hatten – unterhielten sich das finnische Paar und Marcel angeregt über Åland. Ich stand daneben und hatte keine Ahnung, wovon die Rede war. Und das, obwohl ich in Geografie keineswegs einen «Fensterplatz» hatte – im Gegenteil: Es war eines meiner Lieblingsfächer, meine Hefte waren kleine Kunstwerke, und für die Heftführung bekam ich regelmässig eine 6, also die Schweizer Bestnote. Trotzdem sagte mir der Begriff Åland rein gar nichts. Später fragte ich Marcel, wo dieses Åland überhaupt liege.
Marcel erklärte mir, dass er beim Vorbereiten der «Länder-Seite» unseres Reiseblogs über das Wappen von Åland gestolpert war und sich dann schlau machte, wo genau diese kleine Inselgruppe eigentlich liegt. Genau. Die Åland‑Inseln liegen mitten in der Ostsee zwischen Schweden und Finnland, genau am Eingang zum Bottnischen Meerbusen. Zurück also zu dem Moment, als Pia und Juha ihm Åland und die umliegenden Schären empfahlen. Für Marcel war ab diesem Moment klar: Wir fahren hin. Also buchte er während unseres Estland-Aufenthalts einen Platz auf der Fähre Tallinn–Stockholm, die einen kurzen Zwischenstopp in Mariehamn, der Hauptstadt Ålands, einlegt. Die Fahrt ging über Nacht, eine Kabine war im Preis inbegriffen.

So standen wir nun am Fährhafen von Tallinn und warteten aufs Boarding. Wir und ein paar wenige andere Autos durften als Erste auf die Fähre – Pole-Position, weil wir beim Zwischenstopp auch als Erste wieder runter mussten. Nachdem wir unsere Kabine bezogen hatten, erkundeten wir das Schiff. Wir kannten ja bereits einige Fähren von unseren Reisen nach Island und Marokko. Aber die Baltic Queen wirkte eher wie ein mittelgrosses Kreuzfahrtschiff: Restaurants, Boutiquen, Discos, diverse Bars inklusive Karaoke, und ein Showroom über mehrere Ebenen mit grosser Bühne. Wir waren fast überfordert von so viel Angebot und der noch grösseren Menschenmenge. Am Autoterminal war die Anzahl überschaubar gewesen - doch woher kamen all diese Leute? Dann wurde es uns klar: Die meisten Passagiere – viele Reisegruppen – kamen über das grosse Fussgänger-Terminal und wurden mit Reisebussen zur Fähre gebracht.

Nach dem Abendessen gingen wir bald schlafen. Erstens mussten wir um fünf Uhr morgens von Bord, zweitens hatten wir keine Lust auf das ganze Tohuwabohu. Vor dem Einschlafen klärten wir noch die Zeitfrage auf der Fähre: Estland/Finnland (MEZ+2)- oder Schweden (MEZ+1)-Zeit? Man bestätigte uns die estnische Zeit – hiess für uns keine Uhrumstellung – und informiert uns auch, dass wir um vier Uhr mit Türklopfen geweckt werden. Ich stellte meinen Handywecker trotzdem auf zehn vor vier – sicher ist sicher.
Und tatsächlich: In der Frühe polterte es an die Tür. Lautstark wurde uns verkündet, dass die Fähre in 50 Minuten in Mariehamn ankommt. Ein Blick auf mein Handy zeigte aber erst drei Uhr. Schei…, mein Handy hatte sich bereits ins schwedische Netz eingeloggt. Herzrasen, kurzer Schreckmoment – und grosser Dank an den Weckdienst. Ohne ihn hätten wir verschlafen, und die anderen Autos hätten nicht abfahren können. Denn Wiloo stand ja ganz vorne, in der Pole-Position.
Um zehn vor fünf rollten wir in Mariehamn von der Fähre. Zehn Minuten später legte sie schon wieder Richtung Stockholm ab. Wir suchten uns einen Parkplatz am Yachthafen und machten eine erste Erkundungstour durch das taghelle, aber noch verschlafene Mariehamn. Danach legten wir uns nochmals hin und holten den fehlenden Schlaf nach.

Da waren wir nun: in Mariehamn, der Hauptstadt der Åland-Inseln.
Ein paar Worte zu Åland selbst: Die Inseln sind ein autonomes, schwedischsprachiges Gebiet der Republik Finnland. Obwohl sie politisch zu Finnland gehören, regeln sie viele Bereiche selbst, sind entmilitarisiert, haben eine eigene Flagge, das «ÅL»-Autokennzeichen und eine eigene Postverwaltung. Amtssprache ist ausschliesslich Schwedisch, Finnisch hört man kaum. Bezahlt wird aber wie in Finnland mit Euro. Dieser Sonderstatus – schwedische Sprache, finnische Zugehörigkeit, eigene Regeln – prägt den Alltag und macht Åland zu einer politisch wie kulturell besonderen Region in der Ostsee.

Marcel hatte die Ankunft so geplant, dass wir die Mittsommer-Feier miterleben konnten. Åland verbindet finnische Zugehörigkeit mit schwedischer Tradition: Das gemeinsame Aufstellen der grossen Mittsommer-Stange (Midsommarstång), Volksmusik, Singen und Tanzen im Kreis, Essen eingelegter Hering, neuer Kartoffeln und Erdbeeren. Viele tragen Blumenkränze. Jede Gemeinde hat ihre eigene Stange und eigene Rituale.
Den Nachmittag verbrachten wir mit weiterem Erkunden von Mariehamn und besuchten auch den Platz, an dem die Midsommarstång vorbereitet und mit Espenblättern geschmückt wurde. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass dies in Mariehamn vor allem für Touristen inszeniert war. In der folgenden Nacht fanden wir kaum Schlaf: Die Jugend feierte die bevorstehenden Feiertage mit lauter Musik, Autoshows und Gegröle bis tief in den Morgen. Für uns war klar: Eine schlaflose Nacht reicht, wir suchen uns etwas Ruhigeres.
Wir fanden einen herrlich stillen Platz bei der ältesten Holzkirche Ålands, in Lumparland, direkt am Meer. In der kleinen Nachbarsgemeinde besuchten wir die Mittsommer-Feier – wir waren die einzigen Ausländer – und genossen die wunderbare Stimmung bei strahlendem Wetter. Mein Dank geht an die laut feiernde Jugend von Mariehamn: Dank ihnen durften wir eine authentische Feier auf dem Land erleben.

Weiter ging unsere Erkundung der Åland-Inseln. Wir erkundeten all die kleineren und grösseren Inseln, die mit Dämmen oder Brücken miteinander verbunden sind. Einen längeren Stopp machten wir auf der Insel Eckerö. Dort besuchten wir das Post- und Zollgebäude. Es ist eines der eindrucksvollsten historischen Bauwerke auf Åland. Es wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von den Russen erbaut, als Åland noch Teil des Zarenreichs war, und markierte den westlichsten Punkt der wichtigen Postroute zwischen St. Petersburg und Stockholm. Das Gebäude wirkt fast überdimensioniert für den kleinen Ort – genau so sollte es sein: ein repräsentativer Grenzposten, der Macht und Präsenz demonstrierte.
Heute beherbergt der Bau ein kleines, liebevoll gestaltetes Museum sowie wechselnde Ausstellungen. Man erfährt viel über die alte Postroute, die Geschichte Ålands und die Bedeutung des Gebäudes als Zollstation. Besonders schön ist die Mischung aus Architektur, Geschichte und der ruhigen Lage direkt am Meer – ein Ort, der die Vergangenheit spürbar macht, ohne steif zu wirken.

Danach verbrachten wir ein paar Tage auf einem einfachen Naturcampingplatz im Süden der Insel. Freistehen ist auf den Åland Inseln kaum möglich, denn die meisten Strassen führen direkt zu privaten Häusern. Stellplätze, wie wir sie aus Estland kennen, gibt es praktisch nicht. Dafür findet man wunderbare Naturcampingplätze, die zum Verweilen einladen – allerdings verfügen nicht alle über die Infrastruktur, die man mit einem Wohnmobil manchmal braucht. So genossen wir diese herrlichen Tage auf dem Campingplatz. Genossen, ja – aber an einem dieser Tage wäre ich beinahe gestorben. Kein Scherz. Ich fühlte mich einem Herzinfarkt näher als irgendeinem Feriengefühl. Und der Grund… eigentlich wollte ich ihn nicht öffentlich machen. Aber im Leben ist ja «leider» nicht immer alles Friede, Freude und Eierkuchen, und wenn man ehrlich ist, passt die Geschichte leider perfekt zu mir.
Vorgeschichte: Marcel versuchte seit Wochen, irgendwo einen Coiffeur zu finden. In Deutschland und Polen kein Problem, aber in den baltischen Ländern – und auch hier auf Åland – bekommt man keinen spontanen Termin. Überall hiess es: «Wir sind für die nächsten Wochen ausgebucht.» Marcels Mähne wuchs und wuchs. Und ich hatte ihm klargemacht: Er darf alles haben, aber bitte keinen Pferdeschwanz. Das gefällt mir nicht. Punkt.
Zurück zu meiner Nahtoderfahrung. Marcel bat mich, ihm mit seiner Dompteuse die Haare zu schneiden. «Das ist nicht schwer», meinte er, «ich kann dich anleiten.» Ich hatte so meine Zweifel – handwerklich bin ich – ich glaube das darf ich mit Stolz sagen – nicht ungeschickt, aber Haare? Na ja. Ich schaute mir noch ein paar YouTube Videos an, und mit Marcels geduldiger Anleitung legte ich los. Wobei: «loslegen» trifft es nicht. Ich stellte mich derart ungeschickt an, dass es mir selbst weh tat. Und Marcels Mimik verriet, dass er exakt denselben Gedanken hatte – aber Marcel würde so etwas nie aussprechen. Er zeigte mir einfach immer wieder geduldig, wie es geht: Dompteuse in die Hand, den Längekamm (Aufsatz der die Schnittlänge bestimmt) drauf, Schnittlänge einstellen, rasieren, Längekamm entfernen, ohne den Längekamm die Haare um die Ohren ausputzen und dann noch die Konturen schneiden.
Also gut. Schnittlänge einstellen, am Nacken ansetzen, langsam hochfahren… nur hatte ich vergessen, den Längekamm aufzustecken.
Mir wurde schlagartig übel. Mein Herz stolperte, ich wurde bleich und fing an zu weinen. Marcel bemerkte, was geschehen war, blieb ruhig und schaute mich einfach an. Ich war zu nichts mehr fähig, mir wurde speiübel, ich zitterte, weinte, konnte seinen Hinterkopf nicht mehr anschauen und musste mich sofort hinlegen. Marcel beendete den Haarschnitt selbst.

Er sah danach erstaunlich gut aus – ich wusste, dass Marcel handwerklich begabt ist, aber dass er auch ein Hobby‑Figaro ist, hätte ich nicht gedacht. Von vorne war’s sogar richtig überzeugend. Von hinten, meinte er galant, er sehe sich ja nicht von hinten. Ich wusste immer, dass mein weltbester Ehemann unglaublich grosszügig ist, aber diese Verzeihbarkeit hätte ich ihm nie zugetraut. Im Gegenteil: Er machte sich mehr Sorgen um meinen kleinen Zusammenbruch als um sein Aussehen.
Ein paar Tage blieben wir dort und genossen die Ruhe. Als Nächstes wollten wir eine Brauerei besuchen, die uns Pia empfohlen hatte. Dort probierten wir uns durch eine ganze Reihe verschiedener Biersorten und liessen uns ein leckeres Abendessen nicht entgehen. Übernachten durften wir direkt auf dem grossen Parkplatz der Brauerei – sehr angenehm, denn so konnten wir die Degustation ohne schlechtes Gewissen auskosten. In den folgenden Tagen besichtigten wir weitere Sehenswürdigkeiten, darunter das Schloss Kastelholm und die Festung Bomarsund.
Das Schloss Kastelholm gehört zu den eindrucksvollsten historischen Orten auf Åland. Die mittelalterliche Burg liegt malerisch auf einer kleinen Landzunge, umgeben von Wasser und sanften Hügeln. Einst war sie ein wichtiger Machtstützpunkt der schwedischen Krone – mehrere Könige nutzten Kastelholm als Verwaltungs- und Jagdresidenz. Heute kann man durch die teils restaurierten, teils verfallenen Bereiche streifen und bekommt ein sehr lebendiges Gefühl dafür, wie sich das Leben in einer abgelegenen Ostsee-Festung angefühlt haben muss.

Gleich nebenan liegt das Freilichtmuseum Jan Karlsgården, das das ländliche Leben Ålands im 19. Jahrhundert zeigt. Die Gebäude – Bauernhaus, Speicher, Schmiede, Stallungen – wurden originalgetreu hierher versetzt und vermitteln, wie einfach und zugleich robust der Alltag damals war. Besonders schön ist die Atmosphäre: alles wirkt ruhig, authentisch und eingebettet in die Natur. Zusammen bilden Schloss und Freilichtmuseum einen perfekten kleinen Zeitsprung – von mittelalterlicher Machtpolitik direkt in den bäuerlichen Alltag Ålands.

Die Festung Bomarsund ist einer der spannendsten historischen Orte auf Åland – und gleichzeitig ein Mahnmal dafür, wie gross gedacht und wie schnell zerstört werden kann. Die Russen begannen im 19. Jahrhundert mit dem Bau einer riesigen Festungsanlage, die Åland als westlichsten Vorposten des Zarenreichs sichern sollte. Bomarsund war monumental geplant, mit mehreren Aussenforts und einer zentralen Festung – doch fertig wurde sie nie.
Im Krimkrieg 1854 griffen britische und französische Truppen die Anlage an und zerstörten sie vollständig. Heute liegen die Ruinen weit verstreut in der Landschaft, eingebettet in Wälder, Felsen und Meer. Genau das macht den Ort so besonders: Man wandert durch eine friedliche Natur und steht plötzlich vor mächtigen Steinmauern, die von einem ehrgeizigen, aber gescheiterten Grossprojekt erzählen. Bomarsund ist kein klassisches «Museum», sondern ein Freiluft Geschichtsbuch.

Weiter ging unsere Reise zur Insel Sandö. Auch diesen Tipp hatten wir von Pia bekommen: uns dort ein Abendessen an einem besonders lauschigen Ort zu gönnen. Um dorthin zu gelangen, machten wir ein kleines Inselhopping, fuhren über Schärenbrücken und nutzten sogar Seilzug Fähren. Nach dieser herrlichen Fahrt bei strahlendem Sonnenschein liessen wir uns im wunderbaren Garten des Restaurants «Kallas SkärGård» verwöhnen.

Marcel legte die Route so, dass wir über die nördlichen Schäreninseln aufs finnische Festland kamen. Die Fahrt zwischen Hummelvik und Torsholma hat eine eigene, wunderbar ruhige Atmosphäre. Man gleitet mit der kleinen Fähre durch ein Labyrinth aus Inselchen, Schären und schmalen Durchfahrten. An einigen wenigen Inseln legt die Fähre kurz an: Autos fahren ab, neue kommen hinzu. Man merkt schnell, dass diese Verbindung zum Alltag der Inselbewohner gehört.
Auf der Insel Brandö hatte Marcel einen weiteren Naturcampingplatz im Auge. Schon die Fahrt dorthin war wieder wie aus dem Bilderbuch – einfach herrlich. Der Platz selbst, erneut ein Naturcampingplatz, war schlicht, aber wunderschön gelegen. Auch hier gönnten wir uns ein paar wunderbare Tage und genossen die Ruhe, das Licht und die Natur.


























































































































































































































































