Nach all dem Pulsieren, der Kultur und den Türmen von Vilnius war klar: Wir brauchen wieder Natur. Und Ruhe. Und vielleicht auch ein bisschen Abstand von all den Türmen, die sich ständig ins Bild drängten. Da für den nächsten Tag Regen angesagt war, nutzten wir die Gelegenheit für einen Transfer – ich liebe das, denn so bleiben die sonnigen Tage frei fürs Erkunden. Marcel hatte einen Naturcampingplatz an einem der unzähligen Seen im Visier.
Auf dem Weg dorthin stoppten wir bei einer dieser Sehenswürdigkeiten, die man sonst nur auf Schildern liest: der geografischen Mitte Europas. Ich war ja immer der Meinung, die Schweiz liege ziemlich zentral. Bauchgefühl. Falsch.
Die Realität ist komplizierter, denn je nach Definition der europäischen Grenzen und Berechnungsmethode verschiebt sich der Mittelpunkt. Die wichtigsten Kandidaten:
• Suchowola, Polen – historischer Mittelpunkt von 1775
• Rachiw/Dilowe, Ukraine – Vermessung von 1887
• Dyleň/Tillenberg, Tschechien – k.u.k.-Berechnung
• Purnuškės bei Vilnius, Litauen – moderner Flächenschwerpunkt – IGN 1989
Der heute am häufigsten zitierte Punkt stammt vom französischen Geografieinstitut IGN. Und genau dort standen wir – wir zwei, allein im Regen, vor einer riesigen Windrose und einem Gedenkstein. Europa-Mitte, ganz für uns.

Eigentlich hatte Marcel wieder einen dieser wunderschönen Naturcampingplätze an einem der unzähligen Seen ausgesucht. Wir lieben diese Plätze: oft sind wir ganz allein, haben die komplette Infrastruktur für uns – Frischwasser, Grauwasserentsorgung und, wenn das Wetter nicht mitspielt, auch Strom für unsere hungrigen Batterien. Und ganz nebenbei tragen wir so auch ein kleines bisschen zum Bruttosozialprodukt des jeweiligen Landes bei.
Was wir in den baltischen Staaten aber immer wieder hören: „Eigentlich noch geschlossen.“ Die Saison beginnt erst Anfang/Mitte Juni und endet schon Ende August. Eine kurze, aber offenbar sehr intensive Zeit. Die Infrastruktur steht zwar schon, aber die kleinen Restaurants oder Lädeli daneben sind oft noch verriegelt. Wir fragten uns lange, warum die Saison so spät startet – bis wir erfuhren, dass die Sommerferien hier genau in diesem Zeitraum liegen. Dann muss die Post abgehen. Wir werden das noch erleben und sind jetzt schon gespannt.
Dieser Campingplatz - im Labanoras-Regionalpark - war allerdings nicht nur „eigentlich geschlossen“, sondern wirklich geschlossen. Zum Glück gab es draussen einen traumhaften Waldparkplatz. Also stellten wir uns dorthin – wieder ganz allein, begleitet vom Zwitschern unzähliger bekannter und unbekannter Vogelstimmen. Einer sang sogar nachts. Und nein, kein Kauz. Ein melodiöser, abwechslungsreicher Gesang, der selbst in der Dunkelheit nicht aufhörte. Dank einer von Marcels unzähligen Apps fanden wir heraus: ein Sprosser, die nördliche Variante der Nachtigall. Ein kleines Naturkonzert nur für uns.

Nach einem wunderbaren Spaziergang und der Besteigung des Aussichtsturms fuhren wir am nächsten Tag weiter nach Bubiai – erneut zu einem Campingplatz, denn wir brauchten dringend Frischwasser. Auch dieser Platz war eigentlich geschlossen. Aber wir durften uns hinstellen und konnten unseren Wassertank auffüllen. Für die körperliche Ertüchtigung meines weltbesten Ehemanns allerdings diesmal nicht mit dem Wasseraschlauch, sondern mit der Giesskanne. 280 Liter Tank, 10-Liter-Kanne. Das ergibt einige Wege. Ich nenne es liebevoll: „Marcel-Fitnessprogramm, Stufe Litauen“.

Auf dem Weg dorthin besuchten wir noch eine weitere absolute Muss-Attraktion Litauens: den Berg der Kreuze.
Der Berg der Kreuze sieht von weitem aus wie ein unscheinbarer Hügel neben der Strasse. Erst wenn man näherkommt, merkt man, wie speziell dieser Ort ist. Überall stehen Kreuze – dicht an dicht, in allen Grössen und Materialien. Manche sind kunstvoll geschnitzt, andere bestehen einfach aus zwei zusammengebundenen Ästen. Dazwischen hängen Fotos, Gebetszettel, kleine Andenken.
Warum die Menschen das tun, wird einem schnell klar: Der Hügel ist seit Jahrzehnten ein Ort, an dem Litauerinnen und Litauer ihre Hoffnungen, Sorgen und Erinnerungen ablegen. Früher war es ein stiller Protest gegen Unterdrückung, heute ist es ein Ort für persönliche Wünsche, Dankbarkeit oder das Gedenken an jemanden. Jeder lässt etwas da, das für ihn oder sie Bedeutung hat.
Als ich den schmalen Weg hinaufging, war es erstaunlich ruhig. Nur das leise Klirren der kleinen Metallkreuze im Wind. Und obwohl der Ort nicht gross ist, hat er eine Wirkung. Vielleicht wegen der Masse an Geschichten, die hier zusammenkommen. Vielleicht wegen der Mischung aus Chaos und Ordnung. Auf jeden Fall hatte ich einen kurzen Moment Gänsehaut – nicht unangenehm, eher dieses Gefühl, dass man an einem Ort steht, der mehr trägt, als man auf den ersten Blick sieht. Ein Eindruck, der bleibt, länger als der Besuch selbst.

Unweit entfernt peilten wir einen Parkplatz in Naisiai inmitten einer grünen weiten Anlage an. Die Anlage ist wie ein kleines, offen gestaltetes Kulturareal. Viel Holz, viel Grün, breite Wege und verschiedene Bereiche, die sich an alten litauischen Symbolen orientieren. Die Idee dahinter ist einfach: Traditionen sichtbar machen, ohne dass es wie ein Museum wirkt.
Viele Elemente greifen Themen wie Natur, Familie, Jahreszeiten oder Schutzsymbole auf. Die Anlage soll zeigen, wie stark diese Motive in der litauischen Kultur verankert sind. Gleichzeitig ist sie als Ort für Gemeinschaft gedacht – für Feste, Veranstaltungen oder einfach einen ruhigen Spaziergang.
Man merkt schnell, dass es nicht nur eine hübsch angelegte Fläche ist, sondern ein Ort, der litauische Identität in einer zugänglichen Form darstellen will. Kurzum: ein bewusst gestaltetes Stück Kultur zum Durchlaufen statt Durchlesen.
Wir genossen die Ruhe, das Wetter und – mit Blick auf den See und die kleine Kanincheninsel – einen der besten Hamburger seit Langem.

Juha aus Finnland hatte uns gewarnt: „Ihr braucht viel mehr Zeit für Finnland.“ Also entschieden wir uns, etwas schneller Richtung Norden zu reisen. Für unsere Verhältnisse bedeutete das: nach nur einer Nacht bereits wieder weiterfahren.
Unser nächstes Ziel war Kirkilai, ein Ort, der uns ein weiteres Naturphänomen vor Augen führen sollte. Und kleiner Spoiler vorweg: Hier sollte man das Sprichwort «Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken» besser nicht verwenden – denn genau das könnte einem hier - theoretisch - passieren.
Die Kirkilai-Seen sind karstischen Ursprungs. Unter der Erde löst Wasser den Kalkstein, Hohlräume entstehen, irgendwann stürzt etwas ein – und zurück bleiben runde Dolinen, die sich mit Wasser füllen. Heute sind es kleine, stille Seen, manche mit purpurfarbenen Schwefelbakterien, die in Europa extrem selten sind.
Der Aussichtsturm von 2015 – 32 Meter hoch, geformt wie ein umgestürztes Kanu – bietet einen fantastischen Blick über die grüne Landschaft des Biržai-Regionalparks. Ein Lehrpfad führt rund um die Seen, perfekt für kurze Spaziergänge.
Wo eine Attraktion ist, findet sich meist auch ein bisschen Geschäft. So auch hier: Auf dem Parkplatz bei den kleinen Kirkilai-Seen, direkt neben dem wirklich beeindruckenden Aussichtsturm, standen ein paar Verkaufsstände. Da ich lokale Verkäuferinnen und Verkäufer gerne unterstütze – und im Wiloo schlicht keinen Platz für Nippes habe – greife ich meistens zu essbaren Spezialitäten. Dieses Mal fiel unser Blick auf zwei Stück pechschwarzen Kuchen.

Die Verkäuferin erklärte uns in bruchstückhaftem Englisch, der Kuchen sei aus Nüssen und Kirschen gemacht. Klang harmlos. Als wir die beiden Stücke entgegennahmen, wären sie uns fast aus den Händen gefallen – so schwer waren sie. Natürlich probierten wir sofort. Marcels Urteil kam prompt: Dieser Kuchen werde nicht sein Freund. Er fühle sich, als würde er Holzkohle essen. Ich musste lachen, und er legte gleich nach: So würden übrigens auch meine Zähne aussehen. Und er hoffe sehr, dass er keinen Sch…sser davon bekomme.

Nun war ich natürlich neugierig, was genau wir da eigentlich gekauft hatten. Also warf ich den Übersetzer an. Die Zutatenliste war… aufschlussreich. Neben Erdnüssen – dem Gewicht nach nicht zu knapp und offenbar gründlich gestampft – und Kirschen fand sich noch ein weiterer Bestandteil, der Marcels Kommentar plötzlich sehr plausibel machte: Holzkohle.
Immerhin konnte ich ihn beruhigen: Gegen Montezumas Rache helfen ja bekanntlich Kohletabletten. Dann sollte die beigemengte Holzkohle in diesem „Kuchen“ wohl auch ihren Beitrag leisten.
Damit gingen zwei Wochen Litauen zu Ende. Zwei Wochen voller Kultur, Natur, Wälder, Hügel, Seen und stiller Momente. Zwei Wochen, die uns überrascht, entschleunigt und begeistert haben.
Einfach zwei unvergessliche Wochen.












































































