Wir verlassen Polen – Grenzübertritt nach Litauen. Immer wieder staunen wir, wie unglaublich einfach Grenzübertritte innerhalb Europas sind. Kein Papierkram, keine Sprachhürden, kein nervöses Warten, ob alles klappt. Man fährt einfach weiter – so unkompliziert, dass man fast aufpassen muss, die Grenze nicht zu verpassen. Für uns Europäer selbstverständlich.
Unterwegs trafen wir ein kanadisches Ehepaar auf Langzeitreise, das genau darüber schwärmte – allerdings mit einer grossen Einschränkung: der Aufenthaltsdauer. Uns war das gar nicht bewusst. Sie erzählten, dass sie zwar ohne Visum einreisen konnten, aber nur 90 Tage im gesamten Schengenraum bleiben dürfen. Danach müssen sie für 180 Tage raus – dies ist die sogenannte 90-Tage-Regel. Für uns unvorstellbar – mit unserer Reiseart schlicht nicht machbar.
Natürlich gäbe es die Möglichkeit, für jedes Europäische Land einzeln ein Visum zu beantragen. Wer das schon einmal gemacht hat, weiss, wie viel Bürokratie, Botschaftstermine und Unsicherheiten damit verbunden sind. Also reisten die beiden nach ihren ersten 90 Tagen Europa nach Marokko, blieben dort einige Monate, flogen zwischendurch nach Kanada, kehrten wieder nach Marokko zurück – und erst nach 180 Tagen durften sie erneut nach Europa einreisen. Mit der Fähre nach Genua startete dann die nächste 90-Tage-Runde. Wir trafen sie in Litauen, wo sie noch das Baltikum, Finnland, Skandinavien und Dänemark bereisen wollen, bevor ihre gebuchte Fähre sie zurück nach Kanada bringt.
Da wird einem bewusst, wie privilegiert wir Europäer unterwegs sind: keine Grenzen, keine Stempel, keine Uhr, die tickt.
Wieder zurück zu uns, zu unserer Reise. Kaum über die Grenze, fällt uns etwas sofort auf: Litauen ist unglaublich sauber. Keine Plastikflaschen, keine Fastfood-Verpackungen, keine Zigarettenstummel – nichts. Wirklich nichts.
Polen war schon sehr, wirklich überraschend sehr ordentlich, aber Litauen setzt noch einen drauf. Da könnten sich manche mitteleuropäischen Länder durchaus inspirieren lassen – und Südeuropa erst recht. Und dann die Gärten! Als ehemalige Haus- und Gartenbesitzer blieb uns fast der Mund offen: kurzgeschorene Rasenflächen wie Golfplatz-Greens, akkurat gepflegte Beete, alles aufgeräumt. Ich meinte zu Marcel: „Spätestens hier hätten wir einen Rasenroboter gebraucht – sonst hätten wir nach einem Monat eine Verwarnung im Briefkasten.“
Und der Abfall? Den sieht man schlicht nicht. Die Container sind in kleinen Häuschen versteckt, farblich sortiert, alles fein säuberlich getrennt – Glas, Plastik, Metall, Restmüll, manchmal sogar Bio. Privater wie auch öffentlicher Raum: alles sauber, alles geordnet.
So startete unser Litauen-Kapitel – und es blieb so. Städte, Parks, Nebenstrassen, Schnellstrassen: sauber, sauber, sauber.


Unser erster Stopp war ein Naturcampingplatz, wo wir Pia und Juha aus Finnland trafen. Ein gemütlicher Abend, viel Lachen, viele, sehr viele Tipps für Finnland.
Irgendwann fragte Juha, wie lange wir für Finnland eingeplant hätten. Marcel antwortete locker: „So etwa zwei Monate.“ Juhas Reaktion: „Viel zu wenig! Viel zu wenig!“
Am nächsten Morgen meinte Marcel dann trocken: „Vielleicht sollten wir doch etwas früher nach Finnland rüber…“ So viel zum langsamen Reisen.
Unser nächster Stopp Birštonas. Da die Wetterprognosen eher grau aussahen, erkundeten wir Birštonas gleich nach der Ankunft. Ein kleiner, ruhiger Kurort im Süden Litauens, bekannt für Mineralquellen, gepflegte Parks und seine Lage an einer grossen Schleife des Nemunas. Der Ort wirkt modernisiert, sauber und klar auf Erholung ausgerichtet.
Im Zentrum stehen mehrere Trinkbrunnen mit unterschiedlich mineralisiertem Wasser, das traditionell für gesundheitliche Zwecke genutzt wird. Viele Besucher füllen dort ihre Flaschen auf oder machen kurze Pausen in den Grünanlagen.
Ein Highlight ist der 45 Meter hohe Aussichtsturm, einer der höchsten frei zugänglichen Türme des Landes. Der Aufstieg über die breite Treppe lohnt sich – oben hat man einen weiten Blick über Fluss, Wälder und die sanfte Hügellandschaft.

Wir waren froh, dass wir die Besichtigung gleich am ersten Tag machten, denn danach regnete es zwei Tage lang wie aus Kübeln. Am zweiten Regentag fuhren wir weiter nach Trakai – in der Hoffnung auf etwas freundlicheres Wetter.
Trakai liegt nur eine kurze Fahrt westlich von Vilnius und wirkt sofort wie ein klassischer Ausflugsort: viel Wasser, viel Geschichte, viel Postkartenpotenzial. Die Inselburg steht mitten im Galvė-See und ist über einen langen Holzsteg erreichbar. Auch ohne Sonne beeindruckend.

Die Burg ist gut restauriert, die Audio-Guide-Führung informativ, und rundherum führen Spazierwege am Wasser entlang.
Im historischen Teil von Trakai stehen die typischen Karaim-Holzhäuser mit ihren drei Fenstern zur Strasse. Die Karaim-Kultur ist hier bis heute präsent – vor allem kulinarisch. Wer Trakai besucht, kommt an Kibinai kaum vorbei: gebackene Teigtaschen, die in kleinen Restaurants frisch aus dem Ofen kommen und erstaunlich sättigend sind.
Nur… wir wurden nicht bedient. 20 Minuten sassen wir da, kannten die Karte auswendig, hatten Durst – und niemand fühlte sich zuständig. Nicht das erste Mal, dass uns dies passierte, auch anderen Gästen erging es genauso. Ein System- bzw. Schulungsproblem, kein persönliches. Nach 20 Minuten standen wir auf und gingen. Einziger Nachteil: Ich musste/durfte kochen.
Vilnius, die Hauptstadt wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Der einzige geöffnete Campingplatz war ein Hostel mit sechs kleinen Stellplätzen – und die Anfahrt führte über einen steilen, ungeteerten Hügel mitten in der Stadt. Ich fragte mich kurz, ob es nicht irgendwo eine weniger abenteuerliche Zufahrt gegeben hätte. Zum Glück ist Wiloo geländegängig. Wir ergatterten einen der letzten Plätze und verbrachten vier Tage in dieser wunderbaren Stadt.
Vilnius ist eine dieser Städte, die gleichzeitig entspannt und voller Energie wirken. Man läuft durch die Altstadt und merkt schnell: Hier mischen sich barocke Kirchen, moderne Cafés, kreative Viertel und eine junge Szene, die der Stadt ein frisches, urbanes Gefühl gibt.
Die Kathedrale St. Stanislaus steht wie ein ruhiger Anker am Rand der Altstadt. Hell, klar, klassizistisch – und daneben der freistehende Glockenturm. Einer von sehr, sehr vielen Türmen. Man hebt die Kamera, will eigentlich nur die Kathedrale fotografieren – und zack, irgendwo im Hintergrund taucht noch ein Kirchturm auf. Oder zwei. Oder drei. Es ist fast unmöglich, ein Bild ohne Türme zu machen. Die Stadt ist voll davon: Kirchen, Klöster, Glockentürme, Aussichtstürme. Nicht vergebens bezeichnet man Vilnius als Rom des Nordens.
Über der Stadt thront der Gediminas-Turm, der rote Backsteinrest der alten Oberburg. Der Aufstieg ist kurz, aber steil genug, um sich kurz zu fragen, ob man nicht doch hätte die Standseilbahn nehmen sollen, wenn sie gefahren wäre, was sie aber zu meinem Leid nicht tat. Dafür wird man, oben angekommen, mit einem weiten Blick über die Altstadt, die modernen Viertel und die vielen grünen Flächen belohnt. Und natürlich sieht man auch von hier wieder: Türme. Überall Türme.

Auf der anderen Seite des Flusses steht der Hügel mit den drei weissen Kreuzen. Der Weg hinauf führt durch den Wald, und oben hat man einen der besten Ausblicke auf die Stadt. Die drei Kreuze wirken schlicht, aber markant – ein Symbol, das man sofort mit Vilnius verbindet. Und ja, natürlich auch von hier: Türme, soweit das Auge reicht.
Zwischen diesen Aussichtspunkten pulsiert die Stadt. Es gibt unzählige kleinen Ateliers, trendige Boutiquen, unzählige stylische Cafés und Bars. Die Gastro-Szene ist jung, kreativ und überraschend vielseitig.
Vilnius ist damit eine Stadt, die gleichzeitig historisch und hip ist. Man kann stundenlang durch die Gassen laufen, immer wieder neue Perspektiven entdecken – und spätestens nach dem zehnten Foto merken, dass man unabsichtlich wieder drei Türme eingefangen hat. Es gehört einfach dazu.
So verbrachten wir einige Tage in dieser herrlichen Stadt. Nach so viel Pulsieren und Kultur benötigten wir wieder einmal Natur und Ruhe.


































































































































