Estland: Natur pur und ein Hauch Stadtleben

Estland hat uns mit seinen stillen RMK Plätzen, den weiten Inseln und dem warmen nordischen Licht tief berührt. Tallinn brachte dazu den lebendigen Kontrast – schön, geschichtsträchtig und ein anderer Rhythmus nach all der Ruhe.

Weiterlesen ...
Marcel & Jacqueline
Über uns ...

Die Grenze nach Estland war nicht weit – etwa eine Autostunde Richtung Nordosten. Wir fuhren wie immer gemütlich dahin, und irgendwann hatten wir das Gefühl, ganz alleine unterwegs zu sein. Kaum Verkehr, nur ein paar verstreute Häuser mit gepflegten Umschwüngen, kleine Ansammlungen, einzelne Höfe, landwirtschaftliche Betriebe. Und immer weniger Tankstellen, geschweige denn grössere Einkaufsläden.

Irgendwann fragten wir uns, wann denn endlich die Grenze kommen sollte. Ein Blick aufs Handy brachte die Antwort: Wir waren bereits seit einigen Kilometern in Estland. Wieder ein Grenzübertritt, den man nicht bemerkte. Erst als wir die ersten Autos sahen, bestätigte sich das Gefühl – EST statt LV. Und auch hier: Ruhe. Ab und zu ein Auto. Viel Wald. Herrliche Natur.

RMK – Estlands Naturgeschenk

Marcel hatte als erstes Ziel einen Naturplatz ausgesucht. Und ich kann nur eines sagen: Ooh my God! Abseits der Wege, mitten in der Natur, an Seen oder Küsten, liegen überall die RMK-Plätze. Orte, an denen man campieren, stehen oder einfach nur sein darf. Bereitgestellt und gepflegt von den lokalen Forstbetrieben.

RMK-Platz

Man muss sich das so vorstellen: offene oder überdachte Grillstellen, riesige Mengen Holz, überdachte Sitzplätze, Abfallcontainer (meist sogar getrennt) – und Naturtoiletten. Mit Toilettenpapier. Ohne Chemie. Ohne Geruch. Dank Holzspänen und perfekter Entlüftung. Sauber.

Unsere Trockentrenntoilette funktioniert ähnlich – und ich würde sie nie mehr hergeben.

Und das Schönste: Die Plätze sind sauber. Kein Müll, keine PET Flaschen – und die wenigen, die das Meer anspült, sammelt Marcel sofort ein. Keine Zigarettenstummel. Einfach Natur.

Wir nutzten die Infrastruktur sofort, grillten unser Abendessen und genossen die Abendstimmung. Am nächsten Tag tobte ein Sturm mit richtigen Orkanböen. Wir blieben in unserem gemütlichen Zuhause, räumten auf, luden Fotos hoch und waren einfach. Und genauso schnell, wie der Sturm kam, war er wieder weg.

Der folgende Tag: Sonnenschein. Ein Muster, das uns in Estland öfter begegnete – nie dauerhafter Landregen, meist Sonne und angenehme Temperaturen.

Wir wanderten, sahen die vom Sturm umgelegten Bäume und die Forstarbeiter, die schon wieder Ordnung schufen. Die Natur, die Wälder, die Lichtungen, das Vogelgezwitscher – unbeschreiblich. Und zum ersten Mal Rentiermoos, ganze Teppiche davon, silbern leuchtend im nordischen Licht.

Rentiermoos

Diese Farben erinnern mich an Island. Da braucht es kein Fotobearbeitungsprogramm mehr. Der Norden und die reine Luft – es gibt kaum Flugverkehr - erledigt das von selbst. Uns gefielen diese Naturplätze so gut, dass wir gar nicht lange überlegen mussten: Der nächste Stopp sollte wieder einer dieser wunderbaren RMK Plätze werden. Dieses Gefühl von Freiheit, Ruhe und Natur pur – davon wollten wir mehr. Also ging es weiter im Zweitagesrhythmus: zwei Nächte bleiben, ankommen, durchatmen… und dann wieder ein Ortswechsel, irgendwohin, wo der Wald rauscht, die Vögel zwitschern und ein Wässerchen plätschert.

Unterbrochen wurde dieses Naturglück nur von unseren Pflichtstopps auf Campingplätzen. Etwa alle zehn Tage müssen wir ja doch irgendwo hin, um das Grauwasser loszuwerden und das Frischwasser wieder aufzufüllen.

Pärnu – leicht, sonnig, entspannt

Einer dieser Stopps führte uns nach Pärnu – und rückblickend war das ein Glücksgriff, denn die Stadt empfing uns mit Sonne, Leichtigkeit und genau der richtigen Portion Zivilisation, bevor es wieder zurück in die Stille ging.

Pärnu liegt an der Mündung des gleichnamigen Flusses, und schon bei der Einfahrt spürt man dieses leichte, sommerliche Lebensgefühl, das die Stadt ausstrahlt. Der etwa drei Kilometer lange Sandstrand zieht sich am nördlichen Ausläufer des Rigaischen Meerbusens entlang – breit, hell, weich, mit diesem seichten, angenehm warmen Wasser, das sofort Ferienerinnerungen weckt.

Pärnu ist eine der entspanntesten und sonnigsten Städte Estlands, ein klassischer Sommerort, der aber nicht laut oder überdreht wirkt, sondern eher wie ein Ort, der tief durchatmet und sagt: «Setz dich hin, nimm dir Zeit.» Die Promenade eignet sich perfekt für lange Abendspaziergänge, wenn das Licht golden wird und die Luft nach Meer riecht. Im Hochsommer muss die Stadt mit Open-Air-Konzerten und Strandbars pulsieren – wir erlebten sie dagegen angenehm ruhig, fast sanft.

Was uns besonders gefiel: das viele Grün, die alten Holzvillen aus der Zarenzeit, die mit ihren Veranden und geschnitzten Details Geschichten aus einer anderen Epoche erzählen. Dazu Cafés mit Terrassen, in denen man stundenlang sitzen könnte, einfach nur schauen, atmen, sein. Pärnu fühlte sich freundlich an – ein Ort, an dem man automatisch langsamer wird.

Café in Pärnu

Nach ein paar Tagen verliessen wir Pärnu wieder Richtung Meer, denn mein persönlicher Reiseleiter hatte längst den nächsten Plan im Kopf: die vorgelagerten estnischen Inseln Muhu, Saaremaa und Hiiumaa. Um nach Muhu zu gelangen, mussten wir die Fähre nehmen – und ich liebe Fährfahrten, besonders wenn das Wetter so herrlich ist und die See so ruhig daliegt, als würde sie uns einladen.

Muhu – Schwarzbrot, Strand und misstrauische Fische

Auf Muhu angekommen, füllten wir nach einer kurzen Fahrt unsere Speisekammer auf und kauften das Schwarzbrot, das uns wärmstens empfohlen worden war. Und wirklich: Im Vergleich zu dem, was man uns in den baltischen Ländern sonst als Brot verkauft, war es richtig gut – etwas speziell, leicht süsslich. Marcel verglich es mit Pumpernickel, und ich musste zugeben: ganz falsch lag er nicht.

Schwarzbrot

Vollbepackt fuhren wir weiter an einen einsamen Strand, den Marcel mithilfe seines Garmin-Navis, dem er ein Satellitenbild «darüberlegte/overlayed», gefunden hatte. Die Fahrt dorthin war holprig und eng – aber dafür wurde Wiloo ja gebaut. Und er verzieh uns jeden Kratzer, denn am Ende durfte er an einem Traumplatz stehen. Natur pur: Strand, Meeresrauschen, brütende Wasservögel, Sonnenschein. Wir waren da – und taten nichts. Einfach nur sein.

Na ja, ausser Marcel. Er versuchte sich im Fischen. In voller Montur – Wathosen, Angel, alles, was man so braucht – stapfte er ins Wasser. Ohne Erfolg. Ich nehme an, den Fischen waren die Köder aus der Schweiz suspekt. Aber er genoss es trotzdem: er, die See und diese Jagdlust, die scheinbar in jedem Mann steckt.

Ich hätte ewig bleiben können. Aber Marcel meinte, es gebe noch weitere schöne Orte. Ich – typisch schweizerisch skeptisch – war mir da allerdings nicht so sicher.

Traumhafter Platz auf Muhu

Saaremaa – Drohni, Midges und eine Bischofsburg

Also ging es weiter auf die Insel Saaremaa, Ziel: das Städtchen Kuressaare. Zuvor besuchten wir noch ein kleines Freilichtmuseum, und ich finde es immer wieder beeindruckend, wie die Menschen früher überlebten und wie hart ihr Leben gewesen sein muss.

Die Fahrt ging weiter – über einen Damm, der Muhu und Saaremaa verbindet. Marcel hatte grosse Lust, endlich wieder einmal seine Drohne – von uns liebevoll «Drohni» genannt – zu benutzen. Also fuhr er auf eine der Ausweichstellen, um sie steigen zu lassen. Doch als ich aus dem Fenster sah, fragte ich ihn, ob er hier wirklich aussteigen wolle: Die Windschutzscheibe war übersät mit kleinen, hungrigen Biestern. Tausende Midges. Unsere ersten. Und hoffentlich letzten. Na ja, mal sehen.

Wir stiegen natürlich nicht aus. Auch nicht auf der zweiten Ausweichstelle – dort wartete dasselbe Szenario. Also blieb Drohni am Boden und musste weiter auf seinen Einsatz warten.

In Kuressaare blieben wir zwei Nächte. Die kleine Insel-Hauptstadt ist gelassen, mit ruhiger Altstadt, breitem Schlossgraben und einer beeindruckenden Bischofsburg. Viel Wind, viel Weite, viel Inselfeeling.

Kuressaare - Bischofsburg

Danach war bei uns wieder Natur angesagt: Leuchtturm im Süden, dann ein Platz an der Ostsee. Dort durfte Drohni endlich fliegen.

Doch es fehlte die geliebte Grillstelle – also weiter. Und dann fanden wir den Platz. Ich dachte: Hier bleibe ich. Für immer.

Die Rechnung machte ich ohne Marcel. Während ich noch völlig beseelt an unserem Traumplatz stand und innerlich bereits Wurzeln schlug, hatte er längst den nächsten Stopp im Blick – die Nachbarinsel Hiiumaa.

Da die Fähre klein ist, nur zweimal täglich fährt und schon gut ausgebucht war, entschied er, früher weiterzufahren. Für mich hiess das: Ich musste diesen herrlichen Platz bereits nach zwei Tagen wieder verlassen. Zwei Tage! Für einen Ort, an dem ich am liebsten den Rest des Sommers geblieben wäre.

In dem Moment, als er mir seinen Entscheid verkündete, war er nicht mehr mein weltbester Ehemann. Er war einfach … mein Ehemann. Punkt.

Doch die Überfahrt mit der kleinen Fähre war einmal mehr bezaubernd – ruhige See, dieses weiche Licht, das nur der Norden kann. Und die folgenden Plätze, die Marcel für uns ausgesucht hatte, liessen ihn sehr schnell wieder in den Rang meines weltbesten Ehemanns aufsteigen. Jeder einzelne Ort ein Juwel: Natur pur, kein Verkehr, nette Menschen, Ruhe, Frieden. Orte, an denen man automatisch leiser spricht, weil die Stille so schön ist.

Hier bleibe ich ♥️

Ich hätte ewig bleiben können. Wirklich ewig. Aber Marcel hat ja seine Grobplanung – Anfang/Mitte September am Nordkap zu sein – und so setzten wir unsere Reise fort. Einmal mehr nahmen wir die Fähre zurück aufs Festland, und der nächste Stopp war Tallinn, die Hauptstadt Estlands.

Nach all dieser idyllischen Zeit auf den Inseln kam uns der Strassenverkehr dort unheimlich hektisch vor. Wobei man fairerweise sagen muss: der Verkehr in Estland ist normalerweise entspannt, fast schon meditativ. Aber nach all den Tagen in absoluter Stille wirkten selbst ein paar Autos hintereinander wie ein kleiner Grossstadtmoment.

Natürlich liessen wir es uns nicht nehmen, Tallinn einen Besuch abzustatten.

Tallinn – schön, überlaufen, widersprüchlich

Mein persönliches Gefühl zu Tallin: Erst verzaubert sie dich mit ihren Türmchen, Kopfsteinpflastergassen und dem goldenen Licht über den roten Dächern – und dann merkst du, dass du nicht die Einzige bist, die verzaubert wurde.

Die Altstadt ist wunderschön. Aber sie fühlte sich für mich wie ein Themenpark an.  «Hello my friend, best restaurant in town, please come in».  Überall Touristen. Überall Kreuzfahrtgruppen, die aus dem Hafen strömen.

Apropos Hafen: Die Kreuzfahrtschiffe wirken wie schwimmende Städte, die kurz anlegen, um Tallinn einmal kräftig durchzuschütteln.

Und dann – unser heimlicher Favorit: das alte, verfallene Olympiastadion der Spiele von 1980. Ein Lost Place, der echte Geschichten erzählt. Ohne Souvenirshops. Ohne jemanden, der dich hineinwinkt.

Tallinn ist schön. Wirklich sehr schön. Aber an diesem Tag – nach all der Stille – war es mir zu viel. Zu viele Menschen, zu viel Touristenmodus, zu wenig echtes Tallinn.

Alexander-Newski-Kathedrale

Vielleicht mochte ich gerade deshalb den Kontrast: glänzende Altstadt vs. bröckelndes Stadion, Kreuzfahrtriesen vs. stille Ecken, die man nur findet, wenn man sich vom Zentrum löst.

Und weiter geht’s.

Nach vier Wochen in Estland setzten wir mit der Nachtfähre unsere Reise fort – hinaus in die Dunkelheit, Richtung Åland, während das Land langsam hinter uns verblasste.

Eines ist gewiss: Estland hat sich still und tief in unsere Herzen geschlichen – ein weiteres Sehnsuchtsland.

Unterwegs in Estland
Auf der Suche nach einem Stellplatz ...
und gefunden 👍
RMK-Platz
Sturm zieht auf 🌬️🍃
Am nächsten Tag, Wanderung durch die Natur
Forstarbeiter beim Freimachen der Wanderwege
Rentiermoos
Nächster RMK-Platz ...
und wieder unterwegs 🥾
Pärnu
Judith I von Klimt - Original erst noch vor kurzem im Belvedere in Wien bestaunt
Engel oder Bengel ?!
Auf der Fähre zur Insel Muhu
Wir lieben die Fährfahrten - vor allem auf ruhiger See 🚢
Herrlicher Platz auf Muhu ...
direkt am Meer ...
mit wunderbaren Sonnenuntergängen
Marcel wird es nie langweilig
Freilichtmuseum auf Muhu
Anstatt Keller - zum Aufbewahren von Lebensmitteln
Hafen von Kuressaare auf der Insel Saaremaa
Skulptur stellt den estnischen mythologischen Riesen Suur Tõll und seine Frrau Piret dar
Die Bischofsburg in Kuressaare ist eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Festungen im Baltikum und wirkt mit ihrem klaren, quadratischen Grundriss fast wie ein steinernes Schachbrett am Meer. Innen findet man einen ruhigen Hof und ein kleines Museum, das die Geschichte Saaremaas angenehm kompakt erzählt
Weiterer Stellplatz direkt an der Küste ...
leider fehlte uns hier der Grillplatz und das Holz
Hier fanden wir einen weiteren perfekten Platz 😃
Marcel sammelt den vom Meer angeschwemmten Müll ein
Um acht Uhr abends mit der nächsten Fähre zur Insel Hiiumaa
Ankunft spät am Abend. Stellplatz für eine Nacht. Der Grillplatz fehlte immer noch
Eninmal mehr wurden wir mit einem atemberaubenden Sonnenuntergang verwöhnt
Blick aus dem Schlafzimmerfenster
Kuriste-Kirche - Estnisch-orthodoxe Kircha auf dr Insel Hiiumaa
Schmutzfink
Und hier ist er, unser nächster Traumplatz mit allem, was das Herz begehrt ♥️
Traumhafte Lage ...
und Holz für die Feuerstelle
Marcel liebt Ordnung 😉 - ich übrigens auch 👍
Auch hier fehlte das WC-Häuschen nicht
Marcel ging einkaufen ...
während ich den ganzen Strand für mich allein hatte und überall Steine mit Löcher fand
Die kleinen Löcher in den Steinen entstehen, weil winzige Meerestiere wie Muscheln und Würmer sich ins Gestein bohren und dort leben. Nach ihrem Tod bleiben die feinen Tunnels zurück – und geben den Hiiumaa‑Kieselsteinen ihren typisch „durchlöcherten“ Look
Marcel hatte Fleisch für den Grill eingekauft
Auch hier, wunderbare nicht endenwollende Sonnenuntergänge ...
…gefolgt von der langen, tiefblauen Phase
Kein Mensch weit und breit. Marcel genoss das nackte Baden in vollen Zügen. Mir war das Wasser noch zu kalt
Kõpu-Leuchtturm auf Hiiumaa
Enger und steiler Aufstieg ...
belohnt mit wunderbarem Ausblick
Das Tahkuna‑Denkmal ist den Kindern gewidmet, die beim Untergang der Fähre MS Estonia in der Nacht vom 28. auf den 29. September 1994 ums Leben kamen. Insgesamt waren 989 Menschen an Bord, 852 verloren ihr Leben. Die Skulptur steht für Schutz, Nähe und das Unfassbare dieses Verlusts. Uns hat der Ort tief berührt – besonders als Marcel im Gedenken an die verstorbenen Kinder die Glocke läutete
Im Hintergrund der Leuchtturm Tahkuna
Sanddüne mitten auf der Insel Hiiumaa
Hochkonzentriert - wo ist unser Drohni?
Frau trägt elegant die Handtasche - Mann trägt ... den Drohnenkoffer 🤭
Und wieder geht es auf die Fähre - diesmal zurück auf das Festland
In Tallinn steht das Denkmal "Broken Line", das zu Ehren aller Opfer der Fähre MS Estonia errichtet wurde
Stadttor in Tallinn
Nikolaikirche
Alexander-Newski-Kathedrale
Tallinn - Kreuzfahrtschiffe liegen vor Anker
Die Linnahall ist ein riesiger Betonkoloss am Hafen von Tallinn, gebaut für die Segelwettbewerbe der Olympischen Spiele 1980. Heute wirkt der Komplex wie ein vergessener Riese: bröckelnd, leer, aber mit einem fantastischen Blick über die Ostsee. Ein Lost Place, der gleichzeitig rau und faszinierend ist
Im Hintergrund der Fährhafen mit der Fähre "Baltic Queen" die auf uns wartet

Fotogalerie