Die Zeit war gekommen, die Åland Inseln zu verlassen. Unsere Fähre aufs finnische Festland war gebucht – und trotzdem fiel es uns schwer, diese herrlichen Inseln hinter uns zu lassen. Åland hatte uns mit seiner Ruhe, dem besonderen Licht und seiner eigenen kleinen Welt so sehr eingefangen, dass der Abschied nicht leicht fiel. Aber jede Reise hat ihren nächsten Schritt, und nun war es Zeit, weiterzuziehen.

Die Sonne zeigte sich noch einmal von ihrer besten Seite. Die Fähre brachte uns nach Osnäs – oder auf Finnisch Vuosnainen – auf der Insel Vartsala. Dort rollten wir von Bord, vermutlich für längere Zeit zum letzten Mal. Nur noch eine kurze Seilfähre trennte uns vom Festland, dann waren wir «richtig» in Finnland angekommen. Gleich nach der Ankunft füllten wir unsere Essensvorräte auf, tankten Diesel und mussten uns wieder einmal ums Frisch- und Grauwasser kümmern. Marcel plante deshalb einen Campingplatz ein – nach all dem herrlichen Freistehen und den Naturplätzen fühlte sich ein konventioneller Campingplatz fast schon fremd an.
Da wir früh am Nachmittag ankamen, ergatterten wir einen hübschen Platz direkt neben der kleinen Bootsanlegestelle. Das Wochenende stand bevor, die finnische Hauptferienzeit hatte begonnen, und der Platz füllte sich zusehends. Am Abend war jeder Stellplatz besetzt, alle standen in Reih und Glied, und es war heiss. So heiss, dass wir unser Tarp und Netztarp aufspannen mussten, um der Sonne zu entkommen. Die Wetter Apps kündigten allerdings Regen mit heftigen Gewittern an – und sie sollten recht behalten.

Es regnete praktisch ohne Pause, der Campingplatz verwandelte sich in einen See. Wir entschieden uns zu bleiben und auf besseres Wetter zu warten. Vier Tage später – das Wetter weiterhin wechselhaft – fuhren wir weiter: zuerst zum Schloss Louhisaari, später nach Naantali zur Turku Meyer Werft.
Louhisaari ist das Geburts- und Elternhaus von Carl Gustaf Emil Mannerheim, dem finnischen Militärführer und Staatsmann, der Finnland durch den Winterkrieg und den Zweiten Weltkrieg führte und später Präsident wurde. Für viele Finnen ist Mannerheim bis heute eine Art Schutzfigur der Unabhängigkeit. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er übrigens in Lausanne, wo er auch verstarb.

Die Turku Meyer Werft zählt zu den modernsten Kreuzfahrtschiff Werften Europas. Aktuell entsteht dort die «Hero of the Seas», ein Mega Cruiseship für die Royal Caribbean Group, ausgelegt für rund 7.600 Passagiere und 2.350 Crewmitglieder. Fertigstellung: Januar 2027. Kostenpunkt: etwa 2 Milliarden USD😮.

Diese und einige andere Tipps verdankten wir Ben. Marcel hatte ihn auf der Fähre nach Brändö kennengelernt, während ich kurz in Wiloo verschwunden war, um meinen Durst zu löschen. Plötzlich hörte ich Schweizerdeutsch – allerdings mit einem ganz feinen, kaum wahrnehmbaren Akzent. Natürlich musste ich nachschauen, wer da mitten in der finnischen Schärenwelt Schweizerdeutsch spricht.
Ben erzählte, dass er als Profi-Handballer eine Saison in St. Gallen gespielt und in dieser kurzen Zeit perfektes Schweizerdeutsch gelernt hatte. Ich beneide Menschen mit dieser Fähigkeit zutiefst – eine Sprache in ein paar Monaten so gut zu beherrschen, dass man als Einheimischer durchgeht. Und Ben fand Schweizerdeutsch nicht einmal besonders schwierig 🫣.
Überhaupt trafen wir erstaunlich viele Finnen mit Bezug zur Schweiz. Und das Überraschende: Die meisten von ihnen sprachen tatsächlich Schweizerdeutsch. Also, liebe Schweizerinnen und Schweizer – Vorsicht in Finnland, wenn ihr denkt, dass euch niemand versteht. Umgekehrt ist es nämlich so. Wir verstehen die Finnen nicht. Nicht einmal ansatzweise.
Auf unseren Reisen durch Europa konnte ich meistens zumindest erahnen, was die lokalen Menschen mir mitteilen wollten. Lateinische und angelsächsische Sprachen helfen, und selbst meine bescheidenen Russischkenntnisse haben mir schon Türen geöffnet. Aber Finnisch und Estnisch? Beides Ural-Sprachen. Null Chance. Aber so richtig null.
Zurück zu den Finnen mit Schweiz-Bezug: Nebst Ben trafen wir auf einer anderen Fähre eine Pflegefachfrau, die fünf Jahre in Winterthur gearbeitet hatte und flüssig Schweizerdeutsch sprach. Dann war da eine Fischerin, deren Schwester ein Finnland-Reisebüro in Bern führt. Ein Familienvater erzählte uns, dass er in der nächsten Woche beruflich nach St. Gallen reisen wird. Und ein Tierarzt berichtete, dass er fünf Jahre im Tierspital Bern gearbeitet hatte – direkt neben meinem früheren Arbeitsort, dem Lindenhofspital.
Alle erkannten uns sofort als Schweizerdeutsch sprechende Schweizer. Und wir standen jedes Mal staunend da, weil wir in Finnland offenbar viel weniger anonym sind, als wir dachten.
Wiloo brauchte seinen ersten Jahresservice, also organisierte Marcel einen Termin in einer Iveco Werkstatt nördlich von Helsinki. Unser Weg führte uns über Ekenäs – ein hübsches Städtchen an der Südküste – und weiter über eine wunderbar kurvenreiche, hügelige Strasse, die perfekt für unsere Motorräder gewesen wäre, nach Fagervik. Ein weiterer Tipp von Ben. Fagervik beherbergte von 1646 bis 1902 eines der ältesten Eisenwerke Finnlands, und der historische Kern ist bis heute erhalten.

Am Abend vor dem Werkstatttermin tauchten wir kurz in den Grossstadtrummel ein, und bereits am Nachmittag des folgenden Tages – die Werkstatt war mit Wiloo sehr zufrieden – verliessen wir Helsinki wieder.
Unser nächstes Ziel war Lahti. Dort regnete es erneut in Strömen, und uns war so gar nicht nach einem Besuch der berühmten Sportarena. Stattdessen suchten wir uns einen Stellplatz an einem der unzähligen Seen – davon gibt es hier ja mehr als genug. Am Abend hörte der Regen endlich auf, und genau dann konnten wir zum ersten Mal ein ganz spezielles Treiben beobachten.
Man stelle sich das so vor: Ein Auto fährt vor, Türen gehen auf, Kinder springen heraus, rennen mit grosser Vorfreude und entsprechenden Schlachtrufen in den See, ganz kurzes Bad, wieder raus, Badetuch um den nassen Körper, zurück ins Auto und weg. Und das nicht einmal oder zweimal – nein, im Zehn-Minuten-Takt. Auto, Kinder, See, zurück, weg. Immer nur für etwa zehn Minuten. Und nicht nur hier, sondern auch an anderen Orten.
Unsere Gedanken dazu? Irgendetwas zwischen: «Ist das ein abendliches Körperpflegeritual?», «Wollen die Eltern die Kinder müde machen?» oder einfach «Die spinnen, die Finnen!» Und ja – dieser Ausdruck ist eine liebevolle Abwandlung von «Die spinnen, die Römer» aus Asterix. Er wird gerne verwendet, wenn man auf charmant-skurrile Gewohnheiten trifft. Und davon haben die Finnen einige: Sauna zu jeder Tageszeit, Eislochbaden im Winter, mehrmals täglich in die kalten Seen hüpfen, Schweigen als völlig akzeptierte Kommunikationsform und Kaffee in Mengen, die Mitteleuropäer eher nervös machen. All das wirkt auf uns manchmal leicht wunderlich – aber eben auf diese warmherzige, bewundernde Art wunderlich. Wir fragten später unsere finnischen Freunde, ob sie uns dieses Ritual erklären konnten. So richtig konnten sie es auch nicht. Ihre Vermutung: Viele Familien in städtischen Regionen leben in Wohnungen, die im Sommer sehr heiss werden – und ja, es war wirklich heiss, absolut heiss, so ungefähr 25 Grad heiss, das finnisch meteorologische Institut gab tatsächlich eine Hitzewarnung heraus 🤭 – und die Eltern ermöglichen den Kindern so eine schnelle Abkühlung. Eine andere Erklärung hatten auch sie nicht. Vielleicht also doch eher Kategorie: Die spinnen die Finnen. Aber eben: liebevoll.
Am nächsten Tag besuchten wir dann doch die Sportarena von Lahti. Die Stadt selbst hat nicht besonders viel zu bieten, aber die nordische Sportarena mit den Sprungschanzen ist beeindruckend. Riesig, elegant, und man kann sich gut vorstellen, wie hier im Winter die Weltelite herunterfliegt.

Weiter ging es nach Sysmä, wo wir ein paar Tage an einem weiteren wunderbaren Badesee verbrachten. Danach fuhren wir über mehrere Etappen hinein in die finnische Seenplatte: nach Luhanka mit seiner lichtdurchfluteten Holzkirche, nach Hirvensalmi, weiter nach Mikkeli – ein kleines Städtchen ohne besonderen Charme – dann nach Puumala – auch ohne Charme –, Sulkava und schliesslich nach Savonlinna – mit etwas mehr Charme.

Zwei Wochen waren wir so unterwegs, rauf und runter entlang des grossen Saimaa Sees mit seinen unzähligen Inseln, Buchten, Brücken und Dämmen. Der Saimaa ist mit rund 4.370 km² der grösste See Finnlands und eines der komplexesten Gewässersysteme Europas. Zum Vergleich: Der Bodensee umfasst etwa 536 km² – der Saimaa ist also über achtmal so gross. Während der Bodensee ein klar abgegrenztes Dreiländereck bildet, wirkt der Saimaa wie eine ganze Wasserlandschaft: ein verzweigtes, fast fjordartiges System, das sich über grosse Teile Südostfinnlands erstreckt. Seine Uferlinie misst rund 14.850 km, und 13.710 Inseln liegen im See. Der Saimaa ist nicht nur ein bedeutendes Natur- und Erholungsgebiet, sondern auch Lebensraum der seltenen Saimaa Ringelrobbe. Für uns war er vor allem eines: ein Ort voller Weite und Abgeschiedenheit, mit herrlichen Stellplätzen direkt am Wasser.

Und genau dort erlebten wir zufällig etwas, das selbst viele Finnen noch nie gesehen haben. Wir fuhren über eine hohe Brücke und sahen ein Tukkilautta – ein Holzfloss. Marcel wendete sofort, und wir beobachteten das seltene Spektakel von oben. Die Stämme werden in Nippuja, also Bündeln, zusammengebunden und so effizient zu Industrieanlagen transportiert – eine umweltfreundliche Alternative zu hunderten LKW Fahrten.

Ein junges finnisches Paar, das ebenfalls staunte, erzählte uns, dass in Savonlinna gerade die jährlichen Opernfestspiele stattfinden. Am nächsten Morgen überraschte mich Marcel mit zwei Tickets für Verdis Nabucco. Vor der Aufführung schlenderten wir durch Savonlinna, gönnten uns ein Abendessen und genossen später die Inszenierung in der Kulisse der Burg Olavinlinna. Ein Abend, den wir nicht vergessen werden.









































































































































































































