Marcel, mein ganz persönlicher Reiseführer. Unser Deal, bevor wir vor vier Jahren mit den Motorrädern loszogen, war glasklar: Ich komme überallhin mit — aber die Route, die Ziele, die Recherche, das ist alles Marcels Job. Und was soll ich sagen: Es funktioniert seit dem ersten Kilometer. Er plant, ich lasse mich überraschen. Und enttäuscht wurde ich wirklich noch nie. Im Gegenteil, ich konnte bisher einfach nur geniessen. Also, zurück zum Anfang:
Marcel, mein Personal Reiseführer, präsentierte mir neulich seine Grobplanung für die nächsten Monate. Erst einmal soll es die Ostseeküste hochgehen, Richtung Norden — Polen, Baltikum, und dann mit der Fähre rüber nach Finnland. Wenn die Zeit reicht, vielleicht sogar bis zum Nordkap. Wobei ich bei unserem gemütlichen Reisetempo eher schmunzeln muss. Aber träumen darf man ja.
Im Herbst, so der Plan, hoffentlich noch vor dem Wintereinbruch. Das wäre zumindest mein Wunsch. Natürlich hätten wir im Notfall Schneeketten für all die «kleinen» Räder von Wiloo dabei. Aber nachdem wir bereits eine Trockenübung mit einem Hinterrad hinter uns haben, wäre ich Marcel unendlich dankbar, wenn wir diese Übung nicht bei dichtem Schneefall in die Realität übertragen müssten.
Auf dem Weg zur Ostsee hat Marcel noch einen Zwischenstopp in Wittstock/Dosse eingeplant. Ein Ort, den ich ohne ihn vermutlich nie auf dem Radar gehabt hätte — und genau deshalb liebe ich unseren Deal so sehr.
Wittstock/Dosse: Zwischen Backstein, Stadtmauer und tausend ungeöffneten Blüten
Wittstock/Dosse ist eine ruhige Kleinstadt im Nordwesten Brandenburgs, geprägt von einer gut erhaltenen Stadtmauer und einer Altstadt, die übersichtlich und gepflegt wirkt. Die Stadt ist gut zu Fuss erkundbar, und man merkt schnell, dass hier das Leben in einem langsameren Rhythmus läuft.
Die Backsteinarchitektur, das Museum zur Schlacht von 1636 und die kleinen Cafés rund um den Marktplatz geben dem Ort Struktur und einen eigenen Charakter. Obwohl die Bäume noch kein Laub trugen, konnte ich mir sehr gut vorstellen, wie bezaubernd die Kleinstadt mit den roten Gebäuden, umschmeichelt von den grünen Blättern, wirken muss. Was ich sehr bedaure: Wir waren leider ungefähr eine Woche zu früh in Wittstock/Dosse, denn in all den Grünanlagen entlang der Stadtmauer und des Dosseteiches stiessen abertausende Tulpen und Narzissen durch. Ich denke, das muss eine richtige Augenweide sein, wenn all diese Blumen am Blühen sind. Rundherum öffnen sich Felder und weite Landschaften, die der Stadt ein Gefühl von Raum und Ruhe geben. Ich würde sagen, Wittstock ist kein spektakuläres Reiseziel, aber ein verlässlicher, bodenständiger Zwischenstopp — einer dieser Orte, an denen man kurz zur Ruhe kommt, bevor es weitergeht.

Trassenheide und Zinnowitz – Seebrücke, Häuser, Fischbrötchen
Von Wittstock/Dosse aus fuhren wir weiter Richtung Ostseeküste, unser nächstes Ziel: die Insel Usedom. Sie wird ja gern als „Sonnenstube Deutschlands“ bezeichnet — und tatsächlich, schon bei unserer Ankunft in Trassenheide empfing uns dieses helle, freundliche Licht, das sofort Feriengefühle auslöst.
Wir liessen es uns nicht nehmen, gleich am ersten Abend einen Spaziergang am Strand zu machen. Der Sand war weich, die Luft frisch, und wir waren beide überrascht, wie wenig salzig sie roch. Irgendwie hatte ich mir die Ostsee immer intensiver vorgestellt, aber gerade dieses Sanfte gefiel mir sofort.
Während unseres Aufenthalts wurde der Weg nach Zinnowitz schnell zu unserer kleinen Routine. Der Spaziergang entlang des Strandes, später zurück über die Promenade, die links und rechts von leicht bewachsenen Dünen und Kiefern begleitet wird — das hatte etwas unglaublich Beruhigendes. Kein Spektakel, kein grosses Drama, einfach ein schöner, stetiger Rhythmus aus Meer, Wind und Schritten.
Zinnowitz gehört zu den Ostseebädern, die sofort ein Gefühl von Ferien auslösen: herrlicher Strand, und dieser Mix aus Meerluft und ganz viel Licht. Die Seebrücke ist der natürliche Orientierungspunkt — lang, stabil, ein bisschen nostalgisch. Man läuft hinaus, schaut auf die Ostsee, und versteht sofort, warum dieser Ort seit Jahrzehnten Menschen anzieht, die einfach mal durchatmen wollen.

Die Häuser aus der Jahrhundertwende entlang der Promenade sind ein kleines Architektur-Museum für sich: Bäderstil mit viel Weiss, Balkonen, Erkern und diesen leicht verspielten Details, die man sonst kaum noch findet. Manche frisch renoviert, andere mit Patina, aber alle mit dem gleichen Anspruch: Meerblick bieten.
Und dann natürlich die Fischbrötchen. In Zinnowitz bekommt man sie überall dort, wo man sie braucht: am Strandzugang, an kleinen Buden und in Imbissstuben. Matjes, Bismarck, Lachs — unkompliziert, frisch, und genau das Richtige zur Stärkung vor dem Rückweg.
Peenemünde – ein Ankommen, das anders ist als erwartet
In unserer Gästekarte war auch die Nutzung der Eisenbahn zwischen Zinnowitz und Peenemünde enthalten. Da Peenemünde definitiv nicht mehr in gemütlicher Fussdistanz lag, nutzten wir dieses Angebot gerne und stiegen in Trasseheide in den Zug. So rollten wir entspannt Richtung Norden, vorbei an Kiefern, Feldern und kleinen Stationen, bis wir in Peenemünde ankamen. In Erwartung einer weiteren Ostseekurstadt, war ich überrascht und sehr ernüchtert, als wir aus dem Zug stiegen. Wir stehen also in Peenemünde, noch immer überrascht, wie wenig es hier nach Ostseekurstadt aussieht. Und je weiter wir gehen, desto deutlicher wird, warum. Dieser Ort trägt eine Geschichte, die sich nicht wegwischen lässt. Keine Strandkörbe, keine Bäderarchitektur, sondern Relikte einer Zeit, in der hier geforscht, gebaut und getestet wurde — nicht für das Leben, sondern für den Krieg.

Die grossen Hallen, die Schienenreste, die alten Kraftwerksmauern: Sie wirken nicht museal aufgehübscht, sondern fast so, als hätten sie sich entschieden, einfach stehen zu bleiben. Man spürt, dass Peenemünde ein Zentrum der Rüstungsforschung war, dass hier die V2-Raketen entwickelt wurden, und dass dieser Ort damit untrennbar mit Leid, Zwangsarbeit und Zerstörung verbunden ist.
Es ist ein merkwürdiges schweres Gefühl: Die Ostsee ist nur ein paar Schritte entfernt, friedlich, blau, fast schon freundlich. Und gleichzeitig steht man in einer Landschaft, die einem leise, aber eindringlich sagt: „Hier wurde Geschichte gemacht — und nicht die leichte Sorte.“
Das Museum, die Freiflächen, die erklärenden Tafeln: Sie versuchen nicht, etwas zu beschönigen. Sie zeigen, was war, und überlassen es dir ganz allein, wie du damit umgehst. Man geht hier nicht einfach spazieren. Man geht durch einen Ort, der einen zwingt, innezuhalten.
Peenemünde ist kein Ferienziel. Es ist ein Erinnerungsort, der sich nicht verstellt. Und vielleicht ist genau das seine Wirkung: Man kommt an, erwartet Ostsee — und findet Geschichte, die man nicht ignorieren kann.
Ahlbeck & Heringsdorf: Wenn Reisen plötzlich wie ein Serienmoment wirkt
Während unserer Zeit auf Usedom reisten wir weiter in den Osten der Insel, nach Ahlbeck und Heringsdorf. Es war keine spontane „Wir schauen mal kurz vorbei“-Aktion, sondern ein bewusstes Weiterziehen entlang der Küste, um die berühmten Kaiserbäder selbst zu erleben. Die Orte Ahlbeck und Heringsdorf kannten wir eigentlich schon — nicht persönlich, aber irgendwie waren sie uns vertraut. Und das hat einen ganz einfachen Grund: Marcel und ich sind bekennende Krimifans.
Marcel hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu jedem unserer Aufenthaltsorte passende Filme oder Serien zu finden. Und wie immer wurde er fündig. Seit unserer Ankunft auf Usedom ziehen wir uns Abend für Abend den „Usedom-Krimi“ rein. Wir sitzen dann da, kommentieren, rätseln, und fragen uns regelmässig, ob auf Usedom überhaupt noch Einwohner leben oder ob nach all den Toten nur noch Touristen übrig sind.
Trotzdem — oder vielleicht gerade deshalb — freuen wir uns jedes Mal wie kleine Kinder, wenn wir einen Schauplatz wiedererkennen. Und nun standen wir tatsächlich selbst dort: bei den Ostseebrücken, die in der Serie ständig auftauchen. Allerdings muss man sagen: Die Aufnahmen müssen immer frühmorgens entstehen. So menschenleer haben wir die Brücken nie erlebt. Bei uns war immer ein bisschen Leben und ganz viel Business dabei. Aber genau das macht es ja aus: Die Mischung aus Fiktion und echtem Reisen, aus Wiedererkennen und Neuentdecken. Und so fühlte sich unsere Ankunft in Ahlbeck und Heringsdorf fast an wie ein kleiner Serienmoment — nur eben mit uns in den Hauptrollen.
Auch Ahlbeck empfing uns mit seiner eleganten Seebrücke, seinen weissen Villen im Bäderstil, den filigranen Balkonen, den kleinen Türmchen — alles wirkt gepflegt und traditionsreich, ohne steif zu sein. Man spürt, dass Ahlbeck seit über hundert Jahren Gäste empfängt und dabei seinen eigenen Rhythmus bewahrt hat.

Heringsdorf dagegen wirkt etwas grosszügiger, fast mondän. Die Promenade ist breiter, die Häuser grösser, und die Seebrücke zieht sich beeindruckend weit ins Meer hinaus. Es ist ein Ort, an dem man sich treiben lassen kann — vorbei an Cafés, Boutiquen und diesen typischen Ostseevillen, die gleichzeitig stolz und einladend wirken. Trotz der Grösse bleibt Heringsdorf angenehm ruhig.
Beide Orte ergänzten unsere Reise perfekt: Ahlbeck mit seiner klassischen Eleganz, Heringsdorf mit einem Hauch Grandezza — und dazwischen die Ostsee, die alles miteinander verbindet.
Reisepanne mit Ansage – und Marcels stille Rettung
Beim Reisen ist nicht immer alles heile Welt. Für mich meistens schon — aber für Marcel leider nicht immer. Dieses Mal hatten wir ein sehr klassisches „Jacqueline-verursacht-das-Problem-und-Marcel-darf-es-lösen“-Szenario.
Ich hatte eine der Stauboxen von Wiloo in meiner ganz eigenen Tetris Ladeweise befüllt. Und zwar so «gut», dass sich die Ladung während der Fahrt verschoben hatte und sich dadurch das Schloss nicht mehr öffnen liess. Irgendetwas klemmte den Riegel fest. Wie so oft war klar: Das Problem hatte ich verursacht, und Marcel musste es richten.
Auf dem Weg von Trassenheide nach Ahlbeck versuchte Marcel es erst einmal auf eine für ihn ungewohnte Art. Er fuhr so schwungvoll — ich würde sagen brutal — über jede Bodenwelle, dass es mich mehrmals vom Sitz hob. Die Idee dahinter: Vielleicht rutscht die Ladung in der Box wieder an ihren Platz. Voller Hoffnung probierte er in Ahlbeck das Schloss erneut. Kein Erfolg.
Seine Reaktion? Keine. Nicht ein einziges Wort. Einfach Ruhe. Diese stoische Gelassenheit ist manchmal fast unheimlich.
Am nächsten Tag hörte ich Geräusche, die eindeutig nach Bohrmaschine klangen. Und tatsächlich: Da kniete er vor der Box, Akku Bohrer in der Hand, und setzte ein winziges Loch in den Deckel. Dann stoppte er, drückte den Bohrer samt Maschine gegen den Inhalt hinter dem Deckel — ein kurzer Ruck — und plötzlich liess sich das Schloss öffnen. Das klitzekleine Loch versiegelte er mit Leim. Ohne Fluchen, ohne Drama, ohne Heldengeste.
Ich hingegen konnte mir nicht verkneifen, meinem weltbesten Ehemann feierlich auf die Schulter zu klopfen und mich zu bedanken. Bis zum nächsten Mal, dachte ich still 😉.
Mir zuliebe stellte er die ganze Szene — nach mehrfachem, charmantem Betteln meinerseits — noch einmal fürs Fotoalbum nach. Und ach ja: Das Beladen der Stauboxen gehört ab sofort offiziell zu Marcels Verantwortungsbereich.

Weiter ging es, immer noch auf der Insel Usedom. Nur drei Kilometer trennten uns eigentlich von unserem nächsten Ziel — aber dank Wiloos stolzem Gewicht wurde daraus ein Umweg von rund zwanzig Kilometern. Ein kleiner Schlenker, der uns dafür etwas ganz Neues bescherte: Wir betraten Neuland. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.
Polen. Ein neues Land für uns beide.
Świnoujście – Weite, Wind und ein Hauch von Moderne
In der Ostseestadt Świnoujście (Swinemünde) verbrachten wir die Ostertage. Ein Ort, der sich sofort anders anfühlt: lebendig, farbig, ein bisschen wilder als die deutschen Kaiserbäder — und gleichzeitig herzlich und offen. Für uns war es ein sanfter, schöner Einstieg in ein Land, das wir bisher nur vom Hörensagen kannten.
In der Ostseestadt Świnoujście verbrachten wir also unsere Ostertage. Und schon beim ersten Spaziergang merkten wir: Dieser Ort fühlt sich anders an als die deutschen Kaiserbäder. Lebendiger, grösser, ein bisschen wilder — und gleichzeitig überraschend modern.
Der Strand ist riesig. Wirklich riesig. Eine breite, helle Sandfläche, die sich gefühlt bis zum Horizont zieht. Selbst an gut besuchten Tagen verliert sich alles in dieser Weite. Der Wind weht kräftiger, die Wellen wirken ein wenig ungezähmter, und trotzdem hat der Strand etwas unglaublich Einladendes.
Die Promenade ist mondän und neu gestaltet, mit breiten Wegen, modernen Bauten und vielen Cafés, die sich offen zur Meerseite hin orientieren. Man spürt, dass hier in den letzten Jahren viel investiert wurde: neue Hotels, elegante Apartmenthäuser, frische Architektur, die sich selbstbewusst neben die älteren Gebäude stellt. Es ist ein spannender Mix aus Tradition und Aufbruch.
Der Hafen bringt zusätzlich eine ganz eigene Energie hinein. Fähren, Frachter, Ausflugsschiffe — ständig ist etwas in Bewegung. Man hört das Tuten der Schiffe, sieht Menschen mit Koffern, Fahrrädern, Einkaufstaschen. Świnoujście wirkt dadurch wie ein Ort, der nicht nur vom Tourismus lebt, sondern auch vom Alltag, vom Kommen und Gehen, vom echten Leben.

Und natürlich gehört auch der Polenmarkt dazu. Ein quirliges, buntes Durcheinander aus Ständen, Gerüchen, Stimmen und Angeboten. Man kann dort alles kaufen — von frischem Obst bis zu Werkzeugen, von Kleidung bis zu Dingen, von denen man nicht wusste, dass man sie braucht. Es ist laut, lebendig und herrlich unperfekt.
Świnoujście war für uns ein wunderbarer Kontrast: Nach den ruhigen Tagen in Trassenheide, Ahlbeck und Heringsdorf tat es gut, in eine Stadt einzutauchen, die pulsiert, atmet und sich ständig bewegt. Ein Ort, der zeigt, dass die Ostsee viele Gesichter hat — und jedes davon seinen eigenen Charme.



































































































































