Über die Ostertage blieben wir in Świnoujście und genossen das quirlige Treiben. Doch irgendwann merkten wir beide, dass es Zeit wurde für etwas mehr Ruhe und Natur. Marcel fand ein kleines Paradies im Nirgendwo, direkt am Stettiner Haff. Genau das, was wir brauchten. Dort verbrachten wir ein paar Tage mit Spazieren, Lesen, Stricken und einfach die Seele baumeln lassen.

Als es Zeit wurde, weiterzuziehen, nahmen wir wieder Kurs nach Norden – zurück an die Ostseeküste. Unser nächstes Ziel: Kołobrzeg/Kolberg.
Kołobrzeg empfängt einen mit dieser typischen Ostsee‑Mischung aus Wind, Salzluft und einem Hauch Nostalgie. Die Stadt ist einer der bekanntesten Kurorte Polens, und man merkt es sofort: breite Promenaden, elegante Kurhotels, überall Menschen, die langsam gehen, flanieren, als hätten sie Zeit im Überfluss.
Der Strand ist endlos, breit, sehr gepflegt und so etwas von hell, wie ich es noch nie gesehen habe. Die Seebrücke ragt wie ein Finger ins Meer, und am Leuchtturm mischt sich Möwengeschrei mit dem Rauschen der Wellen. In der Altstadt stehen Backsteinbasilika und Rathaus wie stille Zeugen einer langen Geschichte, während unten am Hafen Fischerboote schaukeln und sich die Ausflugsschiffe auf die kommende Saison vorbereiten.

Kołobrzeg fühlt sich an wie ein Ort, der gleichzeitig ruhig und lebendig ist – perfekt für lange Spaziergänge, kleine Entdeckungen und dieses besondere Ostsee‑Gefühl, das man schwer erklären, aber sofort erkennen kann.
Mielno, der nächste lebhafte Badeort an der polnischen Ostsee. Die polnische Ostseeküste umfasst rund 500 Kilometer – eine durchgehende Linie aus Stränden, Dünen und Küstenorten zwischen Świnoujście und der Frischen Nehrung an der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad. Mielno befindet sich auf einer schmalen Landzunge zwischen Meer und Jamunder See. Auch hier finden wir wieder den breiten, feinsandigen Strand mit seiner Promenade, die im Sommer sicher stark frequentiert sein muss.

Durch die Lage zwischen zwei Gewässern wirkt Mielno offen und weitläufig, gleichzeitig aber kompakt genug, um alles gut zu Fuss zu erreichen. Der Jamunder See bietet eine ruhigere Alternative zum Meer und wird häufig für Wassersport genutzt. Insgesamt ist Mielno ein klassischer Ostseeort: viel Strand, viel Wind, viel Bewegung, ideal für Spaziergänge und kurze Aufenthalte.
Weiter ging unsere Reise entlang der Ostsee. Das Wetter war vom Feinsten, sonnig und herrlich warm, bis… Ja, bis kurz vor unserem nächsten Zielort. Bereits vom Weiten sahen wir die Feuchtigkeit in der Luft. Und tatsächlich, es war dickster Nebel, der von der Ostsee hereindrang. Der geplante Etappenzielort, Rówekder (Rowy) sich noch im tiefsten Winterschlaf befindend, zudem war es wirklich «arschkalt», wirkte auf uns alles andere als einladend. Vielleicht tun wir dem Ort unrecht, aber ein Blickkontakt mit Marcel genügte und wir fuhren weiter. Eine Fahrstunde später erreichten wir den zufällig ausgesuchten Ort Łeba. Auch hier war es neblig und ungemütlich kalt. Aber der Ort schien nicht mehr zu schlafen und der angepeilte Campingplatz war – erst seit einer Woche – offen. Zudem sahen wir in der Reception des Campingplatzes, dass er in den letzten Jahren jeweils zum besten Campingplatz Polens prämiert wurde. Und tatsächlich, so etwas von gepflegter Infrastruktur sahen wir selten. Ich nutzte natürlich diese Gegebenheit und legte sofort einen Wäsche-Nachmittag-Abend ein. Der junge Campingplatzbesitzer hiess uns willkommen und gab uns seine Empfehlungen für Besichtigungen. Nebst dem kleinen Hafen soll es hier die grösste Wanderdüne Polens geben. Und diese sollten wir uns keinesfalls entgehen lassen. Am nächsten Tag – wiederum Sonnenschein, angenehme Temperaturen – nahmen wir seit langer Zeit wieder einmal unser Faltfahrräder heraus und radelten die 10 Kilometer zur empfohlenen Wanderdüne.
Die Wanderdüne bei Łeba hat uns schon auf dem Weg dorthin beeindruckt – und das lag nicht nur an der Landschaft, sondern auch an der Anfahrt mit unseren Rädern. Der Weg führt erst durch ruhige Kiefernwälder, dann über immer sandigere Pfade, und irgendwann merkt man, wie der Wind stärker wird und der Boden heller. Es ist dieser Moment, in dem man spürt: Jetzt kommt etwas Besonderes.

Als wir die Räder schliesslich abstellten und den letzten Anstieg zu Fuss gingen, öffnete sich vor uns die Łącka‑Düne, eine hellgoldene fast schon schneeweisse Sandfläche, die sich wie eine kleine Sahara direkt an der Ostsee erhebt. Sie erreicht bis zu 42 m Höhe und bewegt sich durch die stetigen Westwinde jährlich um 3 bis10 Meter landeinwärts. Dadurch verändert sich die Landschaft ständig – Wälder, Wege und alte Böden werden langsam vom Sand überdeckt. Die Dünen liegen im Słowiński Nationalpark, einem UNESCO Biosphärenreservat, das für seine Kombination aus Dünen, Küstenseen, Mooren und Kiefernwäldern bekannt ist. Der Park schützt eine der aktivsten Dünenlandschaften Europas.
Oben angekommen wehte der Wind so kräftig, dass der Sand wie feiner Nebel über den Kamm zog. Vor uns die Ostsee, hinter uns der Łebsko‑See, und dazwischen diese stille, fast unwirkliche Weite.
Marcel bewegte sich im Sand, als wäre das alles ein völlig normaler Untergrund – ruhig, gleichmässig, elegant wäre schon etwas übertrieben, aber in diese Richtung ging es. Ich dagegen kämpfte mich durch wie ein leicht übermotiviertes Walross auf Landgang: schnaufend, rutschend, aber immerhin mit dem festen Willen, oben anzukommen.
Die Łącka‑Düne war einer dieser Orte, die einen sofort einfangen – nicht laut, nicht spektakulär, sondern mit dieser stillen Grösse, die man erst richtig spürt, wenn man selbst dort oben steht.
Am folgenden Tag liessen wir die Seele baumeln, genossen das herrliche sonnige Wetter. Am Abend spazierten wir nach Łeba hinein, einfach um den Ort ein bisschen zu spüren – und natürlich, um etwas zu essen. Wir landeten in einer kleinen Pizzeria.
Bevor die Pizza kam, stellte uns die Kellnerin einen Korb mit Besteck und einer Schere hin. Keine normale Küchenschere, sondern ein Modell, das eher nach «Ich schneide Stoffbahnen» aussah.

Zum Glück sahen wir rechtzeitig, wie andere Gäste ihre Pizza damit sauber in Stücke schnitten – und plötzlich ergab alles Sinn. Also gut: Schere in die Hand, einmal tief durchatmen, und siehe da, es funktionierte grossartig. Erneut etwas gelernt – und erstaunlich praktisch obendrein. Wieder mal etwas, was man später lachend weitererzählen kann.


























































































