Wo Geschichte auf Ingenieurskunst trifft

Auf dem Weg in die Masuren erwarteten uns ein Backsteinriese und ein technisches Wunder, das uns völlig überraschte.

Weiterlesen ...
Marcel & Jacqueline
Über uns ...

Die Zeit war gekommen, die Ostseeküste hinter uns zu lassen. Marcel hatte schon länger im Kopf, dass unsere Reise weiter in die Region der Masurischen Seenplatte führen soll. Auf dem Weg dorthin legten wir einen Zwischenstopp in Malbork ein.

Unser Stopp in Malbork fühlte sich an wie ein kleiner Zeitsprung. Schon vom Campingplatz aus ragte die Marienburg so mächtig über dem Fluss Nogat auf, dass klar war: Das wird kein gewöhnlicher Besuch.

Am nächsten Tag sind wir – bewaffnet mit einem Audioguide, der erstaunlich gut funktionierte – in die Welt des Deutschen Ordens eingetaucht. Die Marienburg (poln. Malbork) wurde ab 1274 vom Deutschen Orden erbaut, einem mächtigen Ritterorden, der im Mittelalter grosse Teile des heutigen Polens und des Baltikums beherrschte.

Im 14. Jahrhundert wurde die Burg zum Hauptsitz des Ordens und damit zu einem der wichtigsten Machtzentren Nordeuropas. In dieser Zeit entstand auch der beeindruckende Hochmeisterpalast. Die Marienburg wuchs zur grössten Backsteinburg der Welt heran – ein Symbol für Reichtum, Kontrolle und religiöse Strenge.

Nach der Schlacht bei Tannenberg (1410) verlor der Orden an Einfluss. 1457 wurde die Burg an das Königreich Polen verpfändet, weil der Orden seine Söldner nicht mehr bezahlen konnte. Von da an diente sie über Jahrhunderte als königliche Residenz, Festung und Verwaltungszentrum.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Burg schwer beschädigt, aber in den Jahrzehnten danach sorgfältig rekonstruiert. Heute gehört sie zum UNESCO Weltkulturerbe und ist eines der bedeutendsten mittelalterlichen Bauwerke Europas.

Am Ende waren wir uns einig: Die Marienburg ist nicht nur schön, sondern ein Geschichtsbuch aus Backstein – und ein echtes Highlight auf dem Weg in die Masuren.

Weiter ging es zu unserem nächsten Stopp – und der hatte es wirklich in sich. Das Motto: Rollberge! Und zwar nicht irgendwelche, sondern die letzten funktionierenden Rollberge der Welt.

Was um Himmels willen sind Rollberge, fragt sich jetzt vielleicht der eine oder andere. Zeit für die Auflösung:

Rollberge sind geneigte Ebenen, über die Schiffe nicht durch Wasser, sondern über Land transportiert werden – auf Schienen, gezogen von starken Seilwinden. Ein technisches Wunderwerk aus dem 19. Jahrhundert, das bis heute zuverlässig funktioniert. Statt Schleusen nutzt der Oberländische Kanal (poln. Kanał Elbląski) dieses System, um Höhenunterschiede von insgesamt rund 100 Metern zu überwinden.

Diese fünf Rollberge sind einzigartig auf der Welt. Nirgendwo sonst wird diese historische Technik noch im regulären Betrieb genutzt. Die gesamte Anlage stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und wurde von dem preussischen Ingenieur Georg Steenke entwickelt – ein Genie seiner Zeit.

Heute sind alle fünf Rollberge noch in Betrieb. Die Fahrt über die Rollberge eine Mischung aus Technikgeschichte, Naturerlebnis und einem leichten «Das kann doch nicht echt sein»-Gefühl.

Gerne hätten wir die Rollberge selbst erlebt, aber laut Internet sollte der Betrieb erst wieder in einer Woche starten und so lange wollten wir nicht in dieser Gegend bleiben. Trotzdem wollten wir uns diese einmaligen Anlagen nicht entgehen lassen. Also steuerte Marcel einen kleinen, unscheinbaren Parkplatz an, von dem aus man den zweitletzten Rollberg gut überblicken konnte.

Kaum bogen wir ein, traute ich meinen Augen kaum: Ein kleines Schiff rollte auf einem Wagen den Hang hinunter. Ich dachte zuerst, ich sehe nicht richtig. Wir sprangen aus der Führerkabine heraus, um noch etwas davon zu erwischen – und siehe da: Fehlalarm im Internet? Der Betrieb lief offenbar schon! Als wir beim Rollberg ankamen, war das Schiff zwar bereits wieder im Wasser, aber wir beschlossen zu warten. Vielleicht hatten wir ja nochmals Glück.

Und tatsächlich: Ein zweites Schiff tauchte auf, diesmal ein grösseres. Wir konnten den gesamten Ablauf in Ruhe beobachten – dieses gemächliche Hinabgleiten über die Wiese, das leise Rattern der Schienen, das sanfte Eintauchen ins Wasser. Genial. Fast surreal.

Später erfuhren wir vom Verantwortlichen des Rollbergs, dass es sich um Testfahrten handelte – nur heute – und der reguläre Betrieb wirklich erst in einer Woche starten würde. Er erzählte uns auch, dass die Schiffe noch den letzten Rollberg passieren und dann wieder zurückkommen würden. Also warteten wir erneut. Und tatsächlich: Da kamen sie wieder, beide Schiffe, diesmal in umgekehrter Richtung – von unten nach oben. Ein Spektakel, das man so schnell nicht vergisst.

Marcel hatte als Etappenziel einen naturbelassenen Campingplatz direkt beim ersten, also obersten Rollberg ausgesucht. Wir fuhren zügig dorthin. Der Platz war zwar noch geschlossen, aber wir durften uns trotzdem hinstellen. Und dann, wie bestellt: Da kamen sie wieder. Beide Schiffe. Wir waren überglücklich, dass wir dieses technische Wunderwerk gleich mehrfach erleben durften – völlig ungeplant und gerade deshalb so besonders.

Auf dem Weg nach Malbork.
Campingplatz direkt neben der Burg
Erster Blick auf die Marienburg am Abend nach unserer Ankunft.
Die Burg liegt direkt am Fluss Nogat.
So sah die Burg nach der Bombardierung 1945 aus ...
... und so heute ! Die Schadstellen wurden mit helleren Backsteinen restauriert.
Erst kürzlich wieder renoviert, die Marienstatue, die der Burg den Namen gibt.
Auf zur Besichtigung ...
... gewappnet mit Audio-Guides.
Am Rollberg

Fotogalerie