Wien kannte ich, lange bevor ich zum ersten Mal dort war. Nicht aus eigenen Erinnerungen, sondern aus den Erzählungen meiner Mutter. Immer wieder sprach sie von ihrem Vater – meinem Grossvater, den ich leider nie kennenlernen durfte – und davon, wie er ihr das Lied «Wien, Wien, nur du allein…» vorgesungen hatte. Er lebte eine Zeit lang dort. Wien war sein Sehnsuchtsort, seine Stadt der Träume.
Als Kind malte ich mir diese Stadt aus, die ich nur aus Worten kannte: Schlösser, deren Dächer in der Sonne glitzern. Pärke voller Blumen, deren Duft durch die Gassen zieht. Pferdehufe, die auf Kopfsteinpflaster klappern. Kutschen, die durch eine Stadt fahren, die mir damals märchenhaft erschien.

Inzwischen durfte ich Wien mehrmals besuchen – beruflich wie privat. Immer nur für ein paar Tage, aber stets mit wunderbaren Erinnerungen. Doch diesmal war alles anders. Diesmal war ich mit Marcel hier. Diesmal hatten wir Zeit. Und diesmal war Winter.
Nicht gerade die Jahreszeit, die man für eine Städtereise bevorzugt. Aber genau dieser Winter schenkte Wien eine Atmosphäre, die ich so nie erwartet hätte. Die historischen Gebäude, perfekt gepflegt, funkelten in der kühlen Wintersonne wie geschliffene Diamanten. Die wenigen Touristen liessen eine fast intime Ruhe entstehen.
Nur in Grinzing, dem sonst so lebhaften Heurigen-Viertel, fühlten wir uns wie in einer „Lost City“. Im Sommer pulsiert dort das Leben – jetzt lag alles im tiefsten Winterschlaf.
Unser Stellplatz lag etwas ausserhalb, aber die U-Bahn brachte uns in wenigen Minuten mitten ins Herz der Stadt. Wie alle Städtereisenden besuchten wir die grossen Sehenswürdigkeiten. Bei Sonnenschein schlenderten wir durch die Parks und stellten uns vor, wie sie im Frühling und Sommer aussehen müssen, wenn alles blüht und duftet. Dafür durften wir sie jetzt in einer Ruhe erleben, die es im Sommer kaum geben wird.
An grauen Tagen zogen wir in Museen und Schlösser weiter. Auch dort: Kein Gedränge, keine Warteschlangen. Selbst beim Figlmüller – berühmt für das Wienerschnitzel, das über den Tellerrand ragt – konnten wir ohne Reservation einfach hineinspazieren. Das Schnitzel war köstlich, aber der Kartoffelsalat… der war für mich pure Kindheit. Feucht, perfekt gewürzt, mit frischem Schnittlauch – genau so, wie ihn meine Mutter zubereitet hatte.

Nur einmal wurde es hektisch: Bei der Evakuation über die Parktreppe im Schloss Schönbrunn wegen eines Brandalarms. Zum Glück nur ein Fehlalarm.
Als Krönung unseres Aufenthalts gönnten wir uns ein klassisches Konzert in einem Palais. Die Tickets hatten wir zwei Wochen zuvor gekauft. Doch in der Nacht vor der Vorstellung schneite es in Wien wie seit Jahren nicht mehr. Chaos auf den Strassen. Die Behörden baten, zuhause zu bleiben. Auf unserem Stellplatz kämpften die wenigen, die weiterreisen mussten, mit den Schneemassen. Marcel – wie immer hilfsbereit – verlieh nicht nur seine grosse Schaufel, sondern auch seine Muskelkraft.
Dann kam Eisregen. Die Strassen wurden spiegelglatt. Trotzdem machten wir uns auf den Weg zum Palais. Dort erwartete uns der Manager – mit einer schlechten Nachricht: Stromausfall, das Konzert fällt aus. Er entschuldigte sich aufrichtig und bot uns entweder eine Rückerstattung oder Tickets für die Ersatzvorstellung am nächsten Abend an. Wir entschieden uns für Letzteres.
Und tatsächlich: Am folgenden Abend fand die Vorstellung statt. Der Manager erkannte uns sofort, führte uns zu VIP-Plätzen in der ersten Reihe und schenkte uns das Programmheft. Ein Abend, den wir nie vergessen werden.
So vergingen zwei Wochen voller Kultur, Ruhe, Genuss und dieser besonderen Art von Zeit, die man nur auf Reisen findet – wenn man sich erlaubt, Eindrücke zu sammeln, zu verarbeiten und wieder offen zu werden für Neues.
Unser Fazit
Wien erstrahlt in einer Würde, die ihresgleichen sucht. Wohin man auch blickt: gut erhaltene historische Gebäude, gepflegte Menschen, eine Sauberkeit, die beeindruckt. Die Stadt atmet Lebensqualität.







































































































