Unsere Reise führte uns weiter über Velden am Wörthersee nach Graz. Velden, dieses kleine Städtchen mit erstaunlich vielen Hotels und Casinos im Verhältnis zu seiner Grösse, präsentierte sich uns in der Nebensaison als absolut ruhiges Pflaster. Auf den Punkt gebracht, tote Hose, wohin man blickte. Und trotzdem konnte ich mir lebhaft vorstellen, welches Remmi-Demmi hier im Sommer herrschen muss – Chiqueria pur, Sonnenbrillen, Aperol Spritz und Motorboote inklusive.

Entgegen unseren üblichen Gewohnheiten blieben wir nur eine Nacht. Nicht etwa, weil Velden uns nicht gefallen hätte, sondern weil der Stellplatz uns schlicht und einfach im Stich liess. Wiloo besitzt zwar ein kleines, aber powervolles Solarkraftwerk mit potenten Batterien – doch ohne Sonne nützt das alles nichts. Und die Stromzapfsäulen am Platz? Tot. Alle. Natürlich könnten uns die Batterien ein paar Tage versorgen, selbst wenn wir mit Induktion kochen. Notfalls würde mein Gaskocher zusammen mit dem Omnia jubelnd aus dem Schrank springen. Aber in dieser kalten Jahreszeit geniessen wir die Annehmlichkeiten von Bodenheizung, warmen Winterabenden mit guten Serien – Starlink sei Dank – und herrlich heissem Wasser einfach zu sehr. Darauf wollte ich nicht verzichten.
Zudem kündigten die Wetterfrösche grosse Schneemengen in Kärnten an. Also machten wir uns nach nur einer Nacht auf den Weg nach Graz. Und tatsächlich: Das Wetter zeigte sich auch in der Steiermark von seiner uncharmanten Seite. Während es im Süden dauerschneite, regnete es bei uns in Graz mehrere Tage wie aus Kübeln. Die Besichtigung der Kulturstadt Österreichs bei diesem Sauwetter? Bei uns keine Chance. Also warteten wir ab und vertrieben uns die Zeit mit Lesen, Stricken, dem Sichten von Fotos, Spielen, Kochen, Essen und dem Schauen von Filmen – gemütlich war es allemal.
Endlich kündigte sich eine kleine Wetterbesserung an. Da wir mit dem 3‑Tage‑Pass in Salzburg so gute Erfahrungen gemacht hatten – ÖV, freie Eintritte oder Ermässigungen – besorgten wir uns auch in Graz wieder einen solchen Pass.
1. Tag – Orientierung
Wir gehören nicht zu den Reisenden, die sich intensiv auf Städte vorbereiten. Wir lassen uns lieber treiben, entdecken spontan und zudem haben wir schlicht keinen Platz für eine Bibliothek voller Reiseführer. Internetrecherche nutzen wir nur punktuell. In Städten lieben wir es, uns zuerst mit einer Führung einen Überblick zu verschaffen – Orientierung, Hintergrundwissen und ein bisschen «gluschtig» machen für mehr.
So auch in Graz. Unsere Stadtführerin erzählte die Geschichte, Ereignisse und Gebäude der Stadt mit so vielen wunderbaren Anekdoten, dass aus der geplanten 1,5‑Stunden‑Tour plötzlich 2,5 Stunden wurden – voller Staunen, Schmunzeln und herzhaftem Lachen. Einfach herrlich.

2. Tag – Vertiefung
Die Sonne meinte es an diesem Tag nicht mehr ganz so gut mit uns, aber immerhin blieb es trocken. Perfekt für eigene Erkundungen. Wir streiften durch unzählige Innenhöfe – über 50 soll es geben, von winzig bis weitläufig – und entdeckten einladende Restaurants, traditionelle und trendige Trachten- und Modegeschäfte sowie eine Vielzahl hipper Boutiquen.
Besonders wollte ich nochmals den Innenhof des Grazer Priesterseminars besuchen. Das Kunstwerk, das wir dort am Vortag gesehen hatten, hatte mich völlig unerwartet tief berührt. Der österreichische Künstler Manfred Erjautz erhielt den Auftrag, sich mit «Zeit, Unvergänglichkeit und Endlichkeit» auseinanderzusetzen. Er erschuf einen Schneemann – aus weissem Marmor, ein Widerspruch in sich. Der Blick des steinernen Wesens richtet sich in seine eigene Zukunft: eine kleine Wasserlache zu seinen Füssen. Darin spiegelt sich die Uhr des Priesterseminars, die ihm unerbittlich die verrinnende Zeit vor Augen führt. Während ich dieses wunderbare Arrangement auf mich wirken liess, kam ein Spaziergänger mit seinem Hund vorbei. Der Hund steuerte ohne Zögern auf die Wasserlache zu und stillte dort seinen Durst. Ein Gesamtbild, das logisch nicht stimmen kann – und gerade deshalb eine erstaunliche Kraft entfaltet. Einfach genial.

Natürlich besuchten wir auch den Schlossberg. Der 473 Meter hohe Hügel mitten in der Stadt, einst Festung, heute Parkanlage mit dem berühmten Uhrturm, bietet einen Blick über die gesamte Altstadt mit ihren roten Dächern, die Mur und die umliegenden Hügel der Steiermark. Man kann hinauflaufen, die Standseilbahn nehmen oder den Glaslift. Da wir bereits einige Schritte in den Beinen hatten, entschieden wir uns für Letzteren. Gleich daneben führt eine lange Rutschbahn mit vielen Wenden hinunter. Obwohl keine Rutschbahn dieser Welt vor mir sicher ist – selbst in meinem fortgeschrittenen Alter – entschied ich mich schweren Herzens dagegen. Nicht aus Vernunft, sondern aus Angst, dass mir übel werden könnte.
3. Tag – Genuss bei Nacht
Am dritten Tag wollten wir Graz im Abendlicht erleben. Also ging es nochmals auf den Schlossberg, diesmal zu Fuss – zur Ertüchtigung, wie wir uns einredeten. Und es lohnte sich. Die Stadt erstrahlte in allen Farben, und besonders die Murinsel zog mit ihrem Lichterspiel die Blicke auf sich. Diese künstliche, schwimmende Plattform aus Stahl und Glas, entworfen vom New Yorker Künstler Vito Acconci, verbindet Kunst, Architektur und Flussraum auf faszinierende Weise.

Den Abend wollten wir mit einem feinen Essen krönen. Im Internet fanden wir ein Restaurant, das für seine einheimische Küche gelobt wurde. Leider entpuppte es sich als klassische Touristenfalle. Lieblos in Bedienung, Ambiente und Geschmack. Einmal mehr zeigte sich: Einheimische nach Empfehlungen fragen – das hat sich bisher immer bewährt.

Fazit unseres Graz‑Aufenthalts
Graz lohnt sich. Die Stadt bietet eine wunderbar entspannte Mischung aus Kultur, Geschichte und südlichem Flair. Die Altstadt gehört zum UNESCO‑Welterbe, mit verwinkelten Gassen, versteckten Innenhöfen und kleinen Cafés, die zum Verweilen einladen. Zwischen kreativen Läden und historischen Fassaden entdeckt man immer wieder neue Details. Und vom Schlossberg aus öffnet sich ein Blick über die Stadt, der einen für einen Moment innehalten lässt.




























































